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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Eine Erzählung über Diskriminierung

Das Entlein mit dem fremden Merkmal


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)

Die Entenmama sitzt auf ihren Eiern – so lange, dass es ihr langsam langweilig wird. Endlich schlüpft ein Küken nach dem anderen. „Piep, piep“, sagen sie. „Rapp, rapp“, ruft ihnen die Entenmama zu. Aber ein Ei, das größte, liegt immer noch ungerührt da. Da will einfach nichts schlüpfen. Die Entenmama – nunmehr noch gelangweilter und zudem noch von einigen zu beaufsichtigenden Entlein umgeben – brütet weiter und weiter. Endlich schlüpft da doch etwas. Das letzte Entlein ist eine Enttäuschung. Groß und hässlich ist es, lässt der Märchenerzähler Hans-Christian Andersen wissen.

Wie es im „Märchen vom hässlichen Entlein“ weitergeht, dürfte im Groben bekannt sein. Es lohnt sich dennoch als Erwachsener den Text im Original zu lesen. Kunstreich spielt Andersen mit Farben und Formen, beschreibt anschaulich gesellschaftliche Vorurteile und Mobbing, projiziert in die Tierwelt. Der Storch spricht ägyptisch, eine vornehme Ente ist von spanischem Geblüt, erfahren die Lesenden. Bei Andersen gibt es die kleinste Welt, die im Ei. Dann gibt es die zweite Welt – die, wenn man die Schale durchbrochen hat und in der Entenfamilie und der Tiergesellschaft am heimatlichen See lebt. Das letztgeschlüpfte Entlein lernt darüber hinaus die weite Welt kennen.

Die zeitlose Wahrheit des Märchens

Märchen bringen Wahrheiten ins erzählende Bild. Es sind zeitlose Wahrheiten und als solche immer aktuell. Das gilt auch für Andersens feine Beobachtung der Gesellschaft. Zwei Zitate mögen das veranschaulichen. Die vornehme Ente etwa hat verächtliches Mitleid mit der Mutter, deren eines Küken so anders ist:

„Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat!“ sagte die alte Ente mit dem Lappen um den Fuß herablassend. „Sämtlich sind schön mit Ausnahme des einen, welches missglückt ist! Ich wünschte, sie könnte es umbrüten!“

Ironischerweise schaut die spanische Ente selbst anders aus als alle anderen Enten im Teich. Während jedoch ihr „Lappen um den Fuß“ als besonders vornehme Auszeichnung unter den Enten im Teich gilt, wie Andersen beschreibt, ist es ausgerechnet diese Ente, die arrogant ein Umbrüten mit anschließender Normierung herbeiwünscht.

Auch „die beißende Ente“ sollte nicht unbedingt als die integrierteste gelten. Sie ist es denn aber gerade, die lautstark das „Problem“ der Gesellschaft auf den Punkt bringt:

„Aber es ist so groß und so ungewöhnlich“, sagte die beißende Ente. „und deshalb muss es verjagt werden!“

Es lohnt sich, diesen bezeichnenden Satz mehrfach zu lesen, denn er ist der Schlüssel.

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sophie in Gesellschaft am 19.06.2020 um 11.00 Uhr

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