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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Nachdenken über Wahrscheinlichkeiten

Zufall, Unfall, Unsinn


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Fotograf: sophie
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Als hätte er’s geahnt

Zufall in der Alltagssprache bedeutet, dass man mit einem Ereignis nicht rechnen konnte. Dass im ersten Beispiel die Straßenbahn auf ihren Gleisen fährt, ist kein Zufall. Dass man mit Baustellenlärm die Straßenbahn nicht hört, ist auch kein Zufall. Dass der Mensch gedankenverloren direkt vor die Bahn läuft, wenn er sie nicht wahrnimmt, davon ist auszugehen. Es wäre kein Zufall. Der unerwartete Zufall ist diesem Verständnis nach, dass der Mensch plötzlich abbiegt. Denn er hat den ganzen Umständen nach die Straßenbahn nicht wahrgenommen. Im Beschreiben bleibt der Konjunktiv: „Als hätte er’s geahnt.“

Im zweiten Beispiel war mit dem Unfall nicht zu rechnen. Sein Verhalten vor dem Unfall beobachtend, würde man dem Menschen unterstellen, er habe so gehandelt, „als hätte er’s geahnt.“ In einem linearen Weltbild ist das nicht möglich. Also war der Unfall ein unglückliches Ereignis und seine Kontakte zuvor fanden aus Zufall statt?

Zufall, das mächtige Wort, das Glück und Unglück uns einfach so zufallen lässt, wird zur Ausrede in unvollständigen Weltbildern und tritt bisweilen an die Stelle eines Gottes. Wo die Volksfrömmigkeit das gottbeauftragte Wirken von Schutzengeln, Heiligen oder, im Unglücksfall, des Satans oder schlechten Karmas vermutet, sagen vermeintlich aufgeklärte Areligiöse: „Es war Zufall!“

Wissenschaftliche Erklärungsversuche?

In der Wissenschaft gibt es keine Zufälle. Wissenschaftliche Erklärungsansätze könnten für die Rettung eines Weltbildes sicherlich manche nicht offensichtliche Ereignisketten aufdecken, dass etwa im ersten Beispiel der Luftzug der herannahenden Straßenbahn das Gesamtsystem Körper hat einlenken lassen. Oder im zweiten Beispiel würde dem Verunfallten eine psychische Gesamtstimmung unterstellt, die intensive Kontakte und besonders unachtsames Verhalten mitbrächte.

Das mag vielleicht im Nachhinein einleuchten. Aber streng genommen genügt die Erklärung doch nicht wissenschaftlichen Kriterien, weil das Ergebnis nicht wiederholbar ist. Den Versuch, hunderte Testpersonen mit Gehörschützern und Scheuklappen den Weg über die Straßenbahngleise zu schicken, wird keine ethische Zulassungsbehörde zur Ausführung genehmigen. Zu groß ist die Gefahr, zu unwahrscheinlich das plötzliche Abweichen aus der ersten Beispielgeschichte.

Es bleibt unerklärlich

Für Außenstehende bleibt es beim unerklärlichen Zufall. Für den Menschen, der diese Bewahrung selbst erlebt hat, ist es Gnade. Gnade als Wirken Gottes trägt durchs Leben. Sie ist weder messbar noch wiederholbar – und ihre Wirkung ist dennoch unverzichtbar.

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Uli in Philosophie am 09.05.2020 um 17.20 Uhr

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Kommentare

Kommentar:

Vielleicht ist die Theorie von den Multiversen interessant. Unsere Vorstellung von Zeit und Raum ist nur eine Approximation, eine Blase. Jeder lebt in seiner Blase und mit jeder Entscheidung landen wir in einem neuen "Universum". Manche sind wahrscheinlicher als andere, aber alles ist möglich.

Daniel am 20.05.2020 um 19.41 Uhr.


Kommentar:

Vielen Dank für den Hinweis, Daniel! Dann würden bei den Beispielen im Text unterbewusst Kenntnisse aus den anderen "Universen" zu mir gelangen - weil eben Zeit und Raum nur eine Frage der Wahrnehmung sind. Interessanter Gedanke.

Uli am 23.05.2020 um 09.42 Uhr.


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