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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Auch bei der Rundfunkgebühr schießen Berichte daneben

Medienschelte zum Größenwahn


Bild: Uli
 (© Eckdose)

Still die politischen Begebenheiten vom Computerbildschirm aus verfolgt. Zentrales Medium dabei die Netzpräsenz einer großen deutschen Wochenzeitung. Verflachung und inhaltliche Färbung seit Wochen festgestellt. Eine Zeitung scheint sich hier nicht als Berichterstatter, sondern als Stimme zu verstehen. Eigene Meinung: schön und gut. Aber der Mediencharakter als Kanal von oben nach unten und vice versa ist damit nicht mehr vorhanden.

„Die Medien“, mittlerweile beliebteres Schimpfobjekt als noch vor zehn Jahren „die Gesellschaft“, finden ihre Selbsteinschätzung als „vierte Macht im Staat“ wohl ziemlich geil. Entsprechend hackten erst sämtliche Blätter, Sender und Programme auf einem zuvor demontierten Präsidenten herum. Und dann, als die Kandidaten standen, wurden sie je nach Vorliebe demontiert oder so hoch gelobt, dass eine Niederlage des entsprechenden hernach nur schwer zu vermitteln würde. Irgendwann in den letzten Monaten scheint in den Köpfen der Medienmacher der Größenwahn ausgebrochen zu sein. Oder aber ein Pharmaunternehmen hat kostenlose Proben verteilt.

Es ist nicht verständlich, warum fast ausschließlich etwa über einen Präsidentenkandidaten der stimmmäßig unterlegenen Opposition berichtet wird. Sympathie ist kein publizistisches Auswahlkriterium. Ebenso ist nicht verständlich, warum den Bürgern ein beliebter Ex-Präsident madig gemacht werden soll, nur weil der das Gehabe von Politikern als daneben empfand. Dass die Bürger das auch tun, scheint nicht klar zu sein.

Gut, Meinungsbildung, das würde man einem Medium oder den Medien noch zugestehen wollen. Dachte man, als man den ausgebrochenen Größenwahn im Ansatz vermutete.

Doch was ist nun los? Der Rundfunkgebührenausschuss der Länder hat sich entschieden, dass ab der nächsten Gebührensaison die GEZ von jedem Haushalt Gebühren eintreiben darf. Für ein öffentlich-rechtliches, freies, unabhängiges, neutrales, hochwertiges Rundfunkangebot in Deutschland. Die Tatsache an sich ist brüskierend. Dass die Journalisten aber nicht einmal begreifen, geschweige denn vermitteln, dass der Beschluss eine nicht vermittelbare Angelegenheit ist, die in Blindheit über die Stimmung der Bürger hinweg entstanden ist, schlägt der Krone die Zacke aus.

Polemik muss nicht sein. Es gibt keinen Sinn, auf „die Politik“ zu schimpfen. Ebenso wenig auf die Medien. Warum nur steht in keiner Meldung, in kaum einem Autoren-Kommentar, wie fatal diese heimliche Gebührenerhöhung und Bürgerschröpfung ist? Vier Seiten erboste Leser-Kommentare ergossen sich über den Zeit-Artikel binnen eines Nachmittags. Es scheint der Journalist nicht zu wissen, dass immer mehr Menschen kein Fernsehen nutzen. Die Süddeutsche übersieht glatt, dass es auch einen ermäßigten Rundfunkgebührensatz gibt. Und insgesamt übersieht wohl jeder „unabhängige“ Journalist, dass diese Geldmassen, die nun „pro Wohnung“ abkassiert werden dürfen, bei weitem die jetzt schon übersteigerte Grundversorgung lächerlich machen werden.

Vielleicht ist eine Zeit angebrochen, in der Medien die Lebenswirklichkeit der Menschen verloren haben. Jeder Journalist greift auf seinen Fernseher zurück, jeder Politiker beobachtet die Medien. Der Bürger meldet sich alle vier Jahren bei Wahlen. Die Pfarrer haben auch vor langen Jahren nur noch ihre Theologie und kirchliche Selbstreflexion in den Blick genommen. Der Bürger meldet sich alle Jahre an Weihnachten. Weil aber selbst da er nicht ernst genommen wird, kommt er nicht mehr. Bei den Wahlen wird’s das gleiche sein. Die größte Partei sind die Nichtwähler. Die höchsten Auflagen haben kostenlose inhaltlose Werbeblätter.

Uli in Medien am 09.06.2010 um 22.13 Uhr

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