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Gedanken am Ewigkeitssonntag

Keine bleibende Stadt


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Fotograf: sophie
 (© Eckdose)


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Auf dem Weg ins Vergessen sitze ich im Morgengrauen auf schäbiger Bank über Beton. Unter mir: Kaugummi, längst eingetreten, hie und da eine verbrauchte Zigarette neben Fast-Food-Resten. Die Tauben finden keine bleibende Stadt. Der mörderische Draht lässt sie nicht zu. Zugrattern und eine Lautsprecheransage. Erst die nächste Bahn ist meine. Ich warte. Dann steige ich ein.

Türen schließen sich und öffnen sich. Für Menschen, die einsteigen und aus. Manchmal steigt niemand ein. Manchmal sitze ich allein. Im Abteil. Gedanken bei mir. Was mich erwartet? Sehe sie vor innerem Auge am immer selben Platz sitzen, der Blick nach unten gesenkt oder ins Leere, ohne jede Freude im Gesicht. Beim Aufsehen hatte sie mich erkannt. Beim letzten Mal. Und heute? Glaube, sie wird die Liebe erkennen, die ihr begegnet.

Sie sitzt am immer selben Platz, den Blick nach unten gesenkt, ohne jede Freude im Gesicht. „Ich hab dich gar nicht gleich erkannt“, sagt sie. Sie lächelt mit zahnlosem Mund. Dann halte ich ihre Hand und sie meine. Lange. Eine Träne kullert ihr über die Wange. Frage, wie es ihr geht. „Geht schon“, sagt sie, während ich dichte blaue Flecken auf Hand und Handgelenk sehe. Dünn und leblos ist sie geworden. Vor ihr ein Glas mit zähflüssiger Aufbauschliere. Unangerührt. Stelle Fragen ins Leere. Im Raum ist es kalt. Weise darauf hin, dass die Heizung eiskalt ist. Sie müsse kaputt sein. „Manche gehen, manche nicht“, sagt man mir. Lege mir meinen Schal um. Sie sagt, sie friere nicht. Dann beginne ich wieder ein Märchen vorzulesen, zeige Bilder. Sie hört einfach zu. Ohne das Gefühl, auf mein Reden nicht antworten zu können. Sie findet das Märchen schön, sagt sie. Und ich halte wieder ihre Hand. Stille. Der Raum macht auch die Hände kalt, doch es macht ihr nichts aus. Teilnahmslos den Umständen gegenüber geworden, wird die Stille schwer.

Irgendwann füllt sich der Aufenthaltsraum. Auch andere aus dem Leben Geschobene werden hineingeschoben. Es soll gesungen werden. Das macht ihr nichts aus. Sie bleibt einfach sitzen, am immer selben Platz, den Blick nach unten gesenkt. Zum Abschied streichle ich ihre Hand. Ihre Träne fällt. „Auf Wiedersehen. Ade“, sage ich und meine es. Und sie sagt es auch. Auf dem Weg nach draußen sehe ich in ihrem Zimmer nach dem Rechten. Das Oberlicht im fensterlosen Bad flackert, doch ich gebe niemandem Bescheid. Dann gehe ich nach draußen in die kalte Novemberluft.

Am Bahnsteig wartet das Leben. Menschen mit Fußballtrikots und Fanschals stehen bereit. Sie johlen und sprechen wild und laut durcheinander. Im Abteil sitzen sie neben mir, trinken billiges Bier, Kaffee aus Wegwerfbechern und Cola aus Dosen. Sie sehen sich schnelltaktig um. Voll Leben im Gesicht fahren sie in eine andere Welt. Ein Schnellzug überholt uns. Wir rattern dahin. Während Menschen aussteigen und auch ein, weiß ich: Die Ewigkeit liegt nicht auf unserer Strecke. Die Augen geschlossen sehe ich das Anderswo.

Auf dem Weg ins Vergessen sitze ich im Morgengrauen auf schäbiger Bank über Beton. Unter mir: Kaugummi, längst eingetreten, hie und da eine verbrauchte Zigarette neben Fast-Food-Resten. Die Tauben finden keine bleibende Stadt. Der mörderische Draht lässt sie nicht zu. Zugrattern und eine Lautsprecheransage. Erst die nächste Bahn ist meine. Ich warte. Dann steige ich ein.

Türen schließen sich und öffnen sich. Für Menschen, die einsteigen und aus. Manchmal steigt niemand ein. Manchmal sitze ich allein. Im Abteil. Gedanken bei mir. Was mich erwartet? Sehe sie vor innerem Auge am immer selben Platz sitzen, der Blick nach unten gesenkt oder ins Leere, ohne jede Freude im Gesicht. Beim Aufsehen hatte sie mich erkannt. Beim letzten Mal. Und heute? Glaube, sie wird die Liebe erkennen, die ihr begegnet.

Sie sitzt am immer selben Platz, den Blick nach unten gesenkt, ohne jede Freude im Gesicht. „Ich hab dich gar nicht gleich erkannt“, sagt sie. Sie lächelt mit zahnlosem Mund. Dann halte ich ihre Hand und sie meine. Lange. Eine Träne kullert ihr über die Wange. Frage, wie es ihr geht. „Geht schon“, sagt sie, während ich dichte blaue Flecken auf Hand und Handgelenk sehe. Dünn und leblos ist sie geworden. Vor ihr ein Glas mit zähflüssiger Aufbauschliere. Unangerührt. Stelle Fragen ins Leere. Im Raum ist es kalt. Weise darauf hin, dass die Heizung eiskalt ist. Sie müsse kaputt sein. „Manche gehen, manche nicht“, sagt man mir. Lege mir meinen Schal um. Sie sagt, sie friere nicht. Dann beginne ich wieder ein Märchen vorzulesen, zeige Bilder. Sie hört einfach zu. Ohne das Gefühl, auf mein Reden nicht antworten zu können. Sie findet das Märchen schön, sagt sie. Und ich halte wieder ihre Hand. Stille. Der Raum macht auch die Hände kalt, doch es macht ihr nichts aus. Teilnahmslos den Umständen gegenüber geworden, wird die Stille schwer.

Irgendwann füllt sich der Aufenthaltsraum. Auch andere aus dem Leben Geschobene werden hineingeschoben. Es soll gesungen werden. Das macht ihr nichts aus. Sie bleibt einfach sitzen, am immer selben Platz, den Blick nach unten gesenkt. Zum Abschied streichle ich ihre Hand. Ihre Träne fällt. „Auf Wiedersehen. Ade“, sage ich und meine es. Und sie sagt es auch. Auf dem Weg nach draußen sehe ich in ihrem Zimmer nach dem Rechten. Das Oberlicht im fensterlosen Bad flackert, doch ich gebe niemandem Bescheid. Dann gehe ich nach draußen in die kalte Novemberluft.

Am Bahnsteig wartet das Leben. Menschen mit Fußballtrikots und Fanschals stehen bereit. Sie johlen und sprechen wild und laut durcheinander. Im Abteil sitzen sie neben mir, trinken billiges Bier, Kaffee aus Wegwerfbechern und Cola aus Dosen. Sie sehen sich schnelltaktig um. Voll Leben im Gesicht fahren sie in eine andere Welt. Ein Schnellzug überholt uns. Wir rattern dahin. Während Menschen aussteigen und auch ein, weiß ich: Die Ewigkeit liegt nicht auf unserer Strecke. Die Augen geschlossen sehe ich das Anderswo.

sophie in Literatur am 24.11.2019 um 13.11 Uhr

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