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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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und ich lass dir deinen Fanatismus

Lass mir meine Religion


Religionen würden dem Frieden schaden, meint mancher ihrer Verächter. Allein schon, dass Menschen an etwas glauben, würde reichen, dass Kriege, Terror und Gewalt entstehen. Eine beliebte Begründung für ein Nichtglaubenkönnen oder Nichtglaubenwollen ist der Verweis auf Geschichte und Gegenwart des Religiösen. Vorwurfsvoll werden die Wörter „Kreuzzüge“, „Hexenverbrennungen“ und „Inquisition“ zusammengestellt.

Immer wieder wenden die Verteidiger der Religion ein, es seien in erster Linie Menschen, die Kriege führten, für Terror sorgten und Gewalt übten. Jede Religion könne von Fanatikern missbraucht werden.

Anstatt zuzuhören und zu fragen, was der Zweck der Religion sei, möchten ihre Verächter sie am liebsten abschaffen und verbieten. Kurzschlüssig ist dies. Denn nicht eine Religion macht Menschen gewalttätig, sondern die Ideologie, die eine Religion mit sich bringt, kann möglicherweise die Gewalt kanalisieren.

Eine Ideologie schafft in erster Linie Identität. Wer bin ich – und wozu gehöre ich? Gruppen werden durch gemeinsame Ideologie geschaffen.

In zweiter Linie bietet eine Ideologie konkrete Hilfe im Leben. Das kann durch einen Aufruf zu Nachbarschaftshilfe, Nächstenliebe oder einen Katalog guter Werke erfolgen. Eine gute Ideologie hilft aber schon bei der so genannten Kontingenzbewältigung: Wozu bin ich, wieso bin ich sterblich und wieso bin ich so, wie ich bin?

Kein Mensch kann leben, ohne sich die Welt zu erklären. Bereits die Antwort „Alles ist Zufall, es gibt keine Antwort.“, ist eine nicht beweisbare, ideologische Erklärung. Ein Mensch, der glaubt zu wissen, dass alles, was es gibt, die Folge von zufälligen Ereignissen ist, kann aggressiv werden, wenn ihm ein anderer erzählt, dass er wisse, dass Gott alles geschaffen hat. Nicht derjenige, der von Gott erzählt, und damit der Religiöse ist, verursacht hier die Aggression. Sondern dass zwei Weisen, die Welt zu erklären, nicht zusammen passen.

Wo Ideologien aufeinander treffen, drohen Welten zusammen zu stürzen.

Auch das Lieblingslied der Ideologiekritiker, „Imagine“ von John Lennon, lebt von einem Kurzschluss: Der Traum vom Frieden, von Nächstenliebe, könnte jede Ideologie und damit alles, wofür gemordet und gestorben wird, ablösen. Er ist selbst eine neue Religion oder Ideologie.

Eine schöne Vorstellung ist es, wenn alle ihr Leben in Frieden leben würden. Das Christentum hat diese Vision im Kern. Dennoch gab es Krieg, Terror und Gewalt im Namen der Religion.

Auch eine Utopie, in der es keine Ideologien gibt, bleibt eben eine nicht erfüllbare Utopie: Krieg, Terror und Gewalt wird es auch durch die Verteidiger und Vorkämpfer des erhofften Friedens geben. Es geht nicht ohne Ideologie. Träumen, freilich, ist möglich.

Religionen zu bekämpfen ist also eine Torheit. Menschen können nicht ohne Ideologien leben. Veganer, beispielsweise, sind zutiefst ideologisch. Gäbe es eine Welt ohne Religionen, wäre sie doch nicht ohne Fanatiker.

Religionen leisten den Menschen gute Dienste. Sie helfen, das Leben zu bewältigen. Manchen Menschen bewegt seine Religion zu Friedfertigkeit.

Und mancher Mensch handelt gewalttätig. Ganz gleich, welchen Grund für seine Gewalt er auf sein Banner geschrieben hat.

Als dem Juden Martin Buber und der Idee einer friedvollen Gemeinschaft „Utopismus“ vorgeworfen wurde, stellte er richtig: Keinem Utopismus hänge er an. Sondern einer „Realphantasie“. Damit die Phantasie Realität wird, muss sie von allen Menschen gemeinsam verwirklicht werden wollen.

Uli in Philosophie am 30.01.2013 um 16.33 Uhr

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