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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Wie ich zu einem veganen Einkaufswagen kam (Teil 1)

Einfach ein Fach weiter gehen


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Bild: alexas_fotos / unsplash
 (alle Rechte vorbehalten)

Gelegentlich werde ich gefragt, weshalb ich mich seit drei Jahren vegan ernähre. Das sind kritische Momente. Um nicht weniger scheint es zu gehen als um die Werte des Lebens.

Schon bevor ich den Mund aufmache, spüre ich, dass meine Antwort jetzt um Himmels willen bloß nicht so ausfallen darf, dass mein Gegenüber sich dadurch in seiner eigenen Lebensweise kritisiert fühlen könnte. Deshalb katapultiert allein schon die Frage danach, weshalb ich vegan esse, eine greifbare Spannung in den Raum. Die Frage hat etwas Inquisitorisches. So als könne man nur falsch antworten, weil das Feuer eh gleich lodern wird. Dann antworte ich tatsächlich und in der Regel sind die Fragenden dann mehr als verblüfft. Denn ich greife nicht in die Leid-der-Tiere-Schublade, sondern sage ganz nüchtern: „Weil es so unglaublich einfach geworden ist.“

Nudeln mit Pilzen und mitleidenden Blicken

Tatsächlich habe ich vor etwa zwanzig Jahren schon einmal den Versuch gewagt, von vegetarisch auf vegan umzusteigen. Da war es eben nicht so einfach. Im Restaurant gab es grundsächlich nur genau eine und zwar vegetarische Fleisch-Alternative. Nudeln mit Pilzsoße waren das in meiner schwäbischen Heimat. Nudeln mit Pilzen und mit extra viel Sahne in der Soße, weil die Küchenprofis der Meinung waren, dass man ohne Fleisch nicht satt werden könne. Ein schmackhaftes Argument für Fleischgewohnte, von ihren Gewohnheiten zu lassen, war das nicht gerade. Mitleidende Blicke waren die Folge. Im Supermarkt sah es ähnlich alternativlos aus. Vegane Aufstriche fand man nur im Reformhaus. Teuer war das außerdem. Wenn man zum Grillen eingeladen war, konnte man nicht einfach seine „Extra-Wurst“, die nicht so heißen darf, mitbringen, denn es gab keine. Weil weder der Markt darauf eingestellt war noch hinreichend Wissen verbreitet, habe ich schon nach kurzer Zeit Mangelerscheinungen entwickelt. Für mich war „vegan“ deshalb damals ein Experiment von wenigen Wochen und bald schon aß ich wieder vegetarisch.

Markt macht’s möglich

In den letzten zwanzig Jahren hat der Markt nicht vor sich hingemerkelt. Auf die steigende Nachfrage hat er reagiert. Vegan ist inzwischen überall: im Restaurant, in der Mensa, im Discounter. Teurer ist das nicht. Auch Wissen und Nahrungsergänzungsmittel sind überall vorhanden. So wurde unser Kühlschrank nicht von heute auf morgen vegan, etwa weil wir eines Tages eine Doku über die Qualhaltung der Hennen gesehen hätten. Nicht dass das kein hinreichender Grund wäre. Teilweise an geltendem EU-Recht vorbei sind Hennen immer noch eine Gruppe schwer Leidtragender, insbesondere wenn ihre Eier in Fertigprodukten wie Keksen versteckt sind, wo selbst viele derer, die sonst Bio-Eier kaufen, nicht genau hinschauen. Aber unser Haushalt ist eben nicht plötzlich, sondern schleichend vegan geworden. Parallel zu den Marktentwicklungen wurde „vegan“ für uns Alltag.

Zunächst hat mein Mann, seines Zeichens der Küchenchef im Hause, festgestellt, dass etwa der Biskuit-Boden ohne Eier nicht nur ohne Eier auskommt, sondern ohne Eier auch noch besser schmeckt (vorausgesetzt, dass man nicht auf den Ei-Geschmack selbst abfährt). Deshalb gibt es in unserem Einkaufswagen schon viel länger als drei Jahre keine Eier mehr. Im Kuchen ersetzten wir auch schon lange die Kuhmilch durch „Hafermilch“, die nicht so heißen darf, genau wie Butter durch Margarine. Alles hat uns und den von uns Bebackten geschmeckt, war weder aufwändiger noch teurer, eben: einfach. Mittlerweile kann es sich kein Supermarkt leisten, keine veganen Produkte anzubieten. Werden wir zum Grillen eingeladen, ist das nicht mehr nur für uns Versierte kein Problem, sondern auch kein Problem für unsere Gastgeberinnen und Gastgeber, die ohne Vorkenntnisse für uns einfach eine „Extra-Wurst“ einkaufen können (und das freundlicherweise auch tun: danke, danke, danke!).

Von vielen habe ich gehört, dass sie ungern vom Käse lassen möchten. Das verstehe ich. Alternativen gibt es, aber sie sind auch für mich oft noch nicht überzeugend, sodass ich lieber zu leckeren Aufstrichen greife. Das Schöne: Der Markt bleibt noch immer nicht stehen. In der „Hafermilch“ von heute setzt sich nicht mehr die Schliere unten ab wie noch vor fünf Jahren. Mit dem Käse wird es ähnlich laufen. Als wir in Lothringen den Urlaub verbrachten, konnten wir französischen Camembert „in vegan“ kaufen. Jede Wette, dass keiner merken würde, dass keine Milch drin ist, wenn man‘s ihm nicht sagt!

„Nimm ihm kein Essen weg, dann hat er dich lieb!“

Es ist einfach geworden, vegan einzukaufen, essen zu gehen, zu backen und zu kochen. Die größere Herausforderung liegt darin, von Gewohnheiten und Dogmen zu lassen. Mit Dogma meine ich etwa, dass für eine schwäbische Köchin (ein reales Beispiel) Spätzle nur dann Spätzle sind, wenn da auch Eier drin sind, selbst wenn man sie noch so gut auch ohne Eier machen kann. In den Regalen gibt es längst viele Möglichkeiten und Alternativen, aber im eigenen Kopf sind eben erst mal nur die, die man kennt und die einem Gewohnheit sind. Oft ist das dann noch der Stand von vor zwanzig Jahren, weil man ja auch nicht ständig mental auf „Aktualisieren“ klickt.

Es ist schon einige Jahre her, da habe ich eine Anekdote von einem Hasen gelesen. Man wollte ihm die alte Gammel-Möhre aus dem Stall nehmen, um ihm eine frische zu bringen. Der Hase fand das gar nicht lustig und hat den Menschen, den er grundsätzlich ja mochte, gezwickt. Als Erkenntnis las ich damals den Satz: „Nimm ihm kein Essen weg, dann hat er dich lieb!“

Suche nach dem Guten und den noch besseren Gründen

Von Gewohntem zu lassen ist Verlust. Verlust schmerzt. Deshalb ist die Stimmung gleich so emotional, wenn mich Leute fragen, weshalb ich vegan esse. Man will sich von einer möglichen Antwort ja schließlich nichts wegnehmen lassen. Deshalb also und weil eben immer die Sache mit der Moral mitschwingt. Denn natürlich weiß ich, dass nicht nur ich weiß, dass Qualtierhaltung eine Sauerei ist, dass nicht nur ich weiß, dass in Deutschland viel mehr Fleisch konsumiert wird als gesund ist oder auch als die Weltgemeinschaft erträgt. Ich weiß ja schon vor meiner möglichen Antwort, dass das auch mein Gegenüber weiß. Es geht also gar nicht darum, gute Gründe zu erfahren, weshalb man vegan essen können könnte, sondern es geht um gute Gründe, es trotz guter Gründe nicht zu tun. Dass mein Gegenüber mich fragt, warum ich esse wie ich esse, ist oft der Versuch, von mir gesagt zu bekommen, dass es doch aber trotz all diesen Wissens und all dieser Gründe auch okay ist, dass es selbst so isst wie es eben selbst isst.

Tatsache ist aber, dass ich auf diese Rolle gar keine Lust habe. Ich habe gar keine Lust dazu, über andere Leben zu urteilen oder Absolutionen zu verteilen. Vielleicht will ich auch einfach nur nicht eine gute Beziehung aufs Spiel setzen und gezwickt werden. Ich bin ja schließlich auch nur ein fehlbarer Mensch. Es ist menschlich, das Gute zu kennen und nach besseren Gründen zu suchen, das Gute nicht zu tun. Das ist menschlich, ganz allgemein gesprochen und unabhängig davon, was im Einkaufswagen liegt.

Und doch: Manchmal, wenn ich gefragt werde, warum ich eigentlich vegan esse und wenn ich das Gefühl habe, dass es mein konkretes Gegenüber echt ernst meint und ich es ihm zumuten kann ohne eine Beziehungskatastrophe auszulösen – dann traue ich mich zu einer mutigen erweiterten Antwort: „Weil es so unglaublich einfach geworden ist das Richtige zu tun.“

sophie in Lebenskunde am 16.01.2024 um 20.03 Uhr

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