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Das Gebet als Werbung?

Vaterunser


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Fotograf: sophie
 (© Eckdose)


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Neulich erreichte mich eine Umfrage – oder eine Werbeaktion, je nachdem. Der Herder-Verlag wirbt 2017/18 für seine Publikation „Christ in der Gegenwart“ und nimmt als Aufhänger das Vaterunser. Das Ganze sieht so aus: „Redaktionsumfrage zum Vaterunser“. Dabei ist jede Zeile des Vaterunsers durchbuchstabiert und der Leser bzw. die Leserin oder der neue Abonnent bzw. die neue Abonnentin werden nun aufgerufen zum Mitdiskutieren.

Foto der Umfrage-Aktion

Ob die Rede von der Schuldvergebung denn überhaupt noch zeitgemäß sei, oder nicht viel mehr den Leuten immer mehr jegliches Schuldbewusstsein fehle.

Ob man heute überhaupt noch wissen könne, was „heilig“ bedeutet.

Ob es nicht in Zeiten von Genderdebatten fehl am Platze sei, Gott als Vater anzureden.

Was Herder da gemacht hat, ist natürlich klar. Schließlich ist die letzte Frage, ob man acht Gratis-Ausgaben von „Christ in der Gegenwart“ bestellen möchte – ein Abo, das sich freilich bei Nichtmelden kostenpflichtig verlängert und ob man auch den Sonderdruck zum Vaterunser dazu bekommen möchte.

Ich frage also nicht, was macht Herder da. Ich frage, was macht das mit dem Vaterunser.

Natürlich ist es schön, ins Gespräch zu kommen, gerade auch über den Glauben. Allerdings darf man das Vaterunser nicht mit dem Glaubensbekenntnis verwechseln. Um das Glaubensbekenntnis wurde lange gerungen. Es wurden Debatten geführt. Es wurde gestritten. Es wurden Leute deshalb aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen ausgeschlossen und am Ende stand dann das, was wir heute als Glaubensbekenntnis kennen: ein von Menschen lang erkämpfter Text, der die Hauptteile christlichen Glaubens als gemeinsames Fundament der Christen festhält.

Das Vaterunser ist damit nicht vergleichbar. Das Vaterunser haben nicht Menschen der Kirchengeschichte ersonnen und perfektioniert. Das Vaterunser finden wir in der Bibel, eingeleitet mit den Worten Jesu, mitten in seiner Bergpredigt, Matthäus 6:

»Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.«

Ein junger Mann erzählte mir mal, er störe sich besonders daran, dass bei uns in der Landeskirche das Vaterunser eine so wichtige Rolle spiele. Für ihn war es ein steifer Text, der nicht die persönliche Beziehung zu Gott, das persönliche Reden zu ihm ausdrückt.

Wir kamen ins Gespräch. Ich habe ihm erzählt, dass ich ihn verstehen kann, dass ich selbst andere Erfahrungen gemacht habe. Ich habe von Menschen und Situationen erzählt, in denen Worte fehlen. In denen ist man gar nicht mehr in der Lage, Gebetsworte zu finden. Weil man z.B. wie heimatlos geworden ist, weil ein Mensch plötzlich gestorben ist. Weil man in einer tiefen Krise steckt. Weil Gott so weit weg gefühlt wird, dass er gar nicht als Person wahrgenommen wird, die man persönlich anreden könnte. Das Vaterunser ist kein Bekenntnistext. Es ist gar kein Text. Es ist Heimat, in die man sich fallen lassen kann. Die Worte tragen hindurch und sie tragen weiter. Sie versichern, dass die Beziehung zu Gott, zum Vater, nicht abgebrochen ist. Sie schließen mit der Gewissheit, dass Gott alles in Händen hält, Welt und Ewigkeit und auch mich.

Wenn man das Vaterunser verinnerlicht hat, kann man seine befreiende Wirkung spüren. Das heißt nicht, dass man nicht darüber kritisch nachdenken dürfte, aber es heißt, dass man sich damit darum bringt, sich in die Worte fallen lassen zu können.

Der junge Mann jedenfalls meinte am Gesprächsende, er wolle es jetzt doch auch mal versuchen mit dem steifen Text, so habe er es noch nicht gesehen. Und ich selbst erinnere mich auch immer wieder daran, z.B. wenn mich etwas ärgert. Da denke ich mir manchmal: „Bevor ich mich jetzt aufrege, bete ich lieber das Vaterunser.“ – Hinterher bin ich gelassener.

Neulich erreichte mich eine Umfrage – oder eine Werbeaktion, je nachdem. Der Herder-Verlag wirbt 2017/18 für seine Publikation „Christ in der Gegenwart“ und nimmt als Aufhänger das Vaterunser. Das Ganze sieht so aus: „Redaktionsumfrage zum Vaterunser“. Dabei ist jede Zeile des Vaterunsers durchbuchstabiert und der Leser bzw. die Leserin oder der neue Abonnent bzw. die neue Abonnentin werden nun aufgerufen zum Mitdiskutieren.

Foto der Umfrage-Aktion

Ob die Rede von der Schuldvergebung denn überhaupt noch zeitgemäß sei, oder nicht viel mehr den Leuten immer mehr jegliches Schuldbewusstsein fehle.

Ob man heute überhaupt noch wissen könne, was „heilig“ bedeutet.

Ob es nicht in Zeiten von Genderdebatten fehl am Platze sei, Gott als Vater anzureden.

Was Herder da gemacht hat, ist natürlich klar. Schließlich ist die letzte Frage, ob man acht Gratis-Ausgaben von „Christ in der Gegenwart“ bestellen möchte – ein Abo, das sich freilich bei Nichtmelden kostenpflichtig verlängert und ob man auch den Sonderdruck zum Vaterunser dazu bekommen möchte.

Ich frage also nicht, was macht Herder da. Ich frage, was macht das mit dem Vaterunser.

Natürlich ist es schön, ins Gespräch zu kommen, gerade auch über den Glauben. Allerdings darf man das Vaterunser nicht mit dem Glaubensbekenntnis verwechseln. Um das Glaubensbekenntnis wurde lange gerungen. Es wurden Debatten geführt. Es wurde gestritten. Es wurden Leute deshalb aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen ausgeschlossen und am Ende stand dann das, was wir heute als Glaubensbekenntnis kennen: ein von Menschen lang erkämpfter Text, der die Hauptteile christlichen Glaubens als gemeinsames Fundament der Christen festhält.

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sophie in Medien am 02.09.2018 um 09.39 Uhr

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