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Beschönigungen korrumpieren Sprache

Euphemia


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


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So könnte Abrüstung aussehen: Die Zahl der Kriegsministerien auf der Welt hat sich von der Wende zum 20. Jahrhundert bis heute auf nahezu Null verändert. Das ist keine Behauptung – die Tatsache lässt sich nachlesen. Würde man die Statistik in eine Grafik mit Zeitleiste fassen, ist an einer der ersten Stellen 1919 das Ende des Reichkriegsministeriums in Deutschland markiert (und 1935 als Neuerschaffung wieder eingezeichnet). In Frankreich hatte es in den 1930ern kein Kriegsministerium mehr gegeben – und spätestens mit dem Ost-West-Konflikt ab den ausgehenden 1940er Jahren werden die endenden Linien plötzlich immer weniger.

Als Nena im Lied „99 Luftballons“ davon träumte, dass es neben Düsenfliegern auch keine Kriegsminister mehr geben solle, war deren Zahl verschwindend gering.

Je brutaler der Krieg, desto ärger die Euphemismen

Sieht man diese Zahlen und macht sich bewusst, dass bei dieser Entwicklung die Welt nicht wesentlich friedlicher geworden ist, wird klar, dass es die Kriegsministerien nach wie vor gibt. Sie heißen nur zunehmend nicht mehr so. Seit dem Ersten Weltkrieg ist der Krieg kein legitimes politisches Mittel mehr.

Krieg wird geächtet. „Nie wieder“, ruft mahnend die Stimme auf Käthe Kollwitz‘ berühmtem Plakat. So war es beim personell begrenzten Heer des Deutschen Reiches nur konsequent, dass es nicht zum Führen von Kriegen sondern für eine grundlegende Wehrfähigkeit der jungen Demokratie in der Lage sein sollte. Das dazugehörige Ministeramt saß im „Reichswehrministerium“.

Weltweit heißen die Ministerien, denen das Militär eines Landes untersteht, nun meistens „Verteidigungsministerium“. Diese Sprachregelung zeigt, dass die Welt einen weiteren Krieg mit schlimmen Folgen hinter sich hat. Nicht wehren, also kräftig zurückschlagen, ist die Devise, sondern sprachlich wird so getan, als ginge es allein darum, einen Ist-Zustand zu erhalten.

Was wird hier verteidigt?

Dass die Bundesrepublik sich gegen einfallende Ostblock-Truppen verteidigen können sollte, ist sprachphilosophisch noch hinnehmbar. Aber was koordiniert ein Verteidigungsministerium am Horn von Afrika, in Mali, in Afghanistan? Als der deutsche „Verteidigungsminister“ Peter Struck 2004 erklärte, des Landes „Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, hatte sich das kriegerische Neusprech schon in den Köpfen festgesetzt. Nicht am Verteidigen, sondern an der Entfernung hängte sich die Aufregung auf.

Alleine, dass die Bundeswehr „-wehr“ heißt und nicht ehrlicher, wie in Österreich, „Bundesheer“, ist sprachlich hoch manipulativ. Ihr Name wirkt auf Kindergartenkinder kaum anders als die Feuerwehr und bei dieser ist es doch auch vollkommen normal, dass die große Schwester und der Nachbarsjunge in der Jugendabteilung mitmachen. Im Grunde ist es pervers, das Töten von Menschen im Auftrag und potentielle Getötetwerden mit einem Wort zu belegen, das klingt, als würde es eine Gemeinschaft vor Urgewalten verteidigen.

Auch Medien übernehmen unreflektiert die Euphemismen aus den Propaganda- und Pressestellen der Regierungen, schreiben teils ohne Anführungszeichen von „friedenssichernden Einsätzen“ der Bundeswehr – dabei muss doch schon Krieg herrschen, damit die Bundeswehr dorthin darf. Oder etwa nicht? Dass der Frieden nicht größer wird, wo Freiheiten oder Sicherheiten „verteidigt“ werden, ist mittlerweile eine Binsenweisheit, wie die IS-Kriegerinnen und -Krieger im friedensgesicherten Irak zeigten.

Der Krieg ist nicht genug

Was die Karriere der Kriegsministerien vormachte, wird auch in anderen gegenwärtigen Bereichen deutlich. Ein Beispiel ist das so genannte Gesundheitswesen – die Auswirkungen zeichnen sich noch in Zukunft ab. Krankenhäuser und Arztpraxen werden zu „Gesundheitszentren“ umbenannt. Um Obst zu essen und Yoga zu machen, muss kein Mensch in ein Gesundheitszentrum gehen. Dabei konstatierte schon Jesus, dass die Gesunden keinen Arzt brauchen.

Krankenkassen tragen als Untertitel „Ihre Gesundheitskasse“. Das Krankenkassen-Kärtchen verwandelt sich seit einem Jahrzehnt per Gesetz in die „elektronische Gesundheitskarte“, die aber erstaunlicherweise nicht meine Jahre ohne Krankheit, sondern nur die Krankheiten, Arztbesuche und Diagnosen aufzeichnet. Die einstige Krankenschwester wurde zur „Gesundheitspflegerin“; und das Ministerium, das sich dem Krieg gegen Seuchen und Krankheiten widmet, nennt sich Ministerium für Gesundheit.

Wehret den Anfängen

Orwells Roman „1984“, die düstere Dystopie einer totalen Diktatur, ist Karikatur der faschistischen und kommunistischen Regimes der 1940er Jahre und zugleich mahnendes Vorbild der sprachlichen Manipulation durch Regierungen. Durch das Austauschen von Wörtern mit ihrem Gegenteil - „Neusprech“ genannt - stellt in der Handlung des Romans die Regierung sicher, dass das Volk mitzieht. Widerspruch wird allein schon dadurch schwieriger, dass ihm die Worte entzogen werden. Wenn das Wort „Frieden“ Krieg bedeutet, wie kann man sich dann für Frieden einsetzen?

Unsere Sprache macht eine bedrohliche Entwicklung, wenn ihre Wandlungsfähigkeit missbraucht wird, um negative Begriffe willentlich durch ihr Gegenteil zu ersetzen. Vom Friedensministerium sind wir nicht mehr weit entfernt.

So könnte Abrüstung aussehen: Die Zahl der Kriegsministerien auf der Welt hat sich von der Wende zum 20. Jahrhundert bis heute auf nahezu Null verändert. Das ist keine Behauptung – die Tatsache lässt sich nachlesen. Würde man die Statistik in eine Grafik mit Zeitleiste fassen, ist an einer der ersten Stellen 1919 das Ende des Reichkriegsministeriums in Deutschland markiert (und 1935 als Neuerschaffung wieder eingezeichnet). In Frankreich hatte es in den 1930ern kein Kriegsministerium mehr gegeben – und spätestens mit dem Ost-West-Konflikt ab den ausgehenden 1940er Jahren werden die endenden Linien plötzlich immer weniger.

Als Nena im Lied „99 Luftballons“ davon träumte, dass es neben Düsenfliegern auch keine Kriegsminister mehr geben solle, war deren Zahl verschwindend gering.

Je brutaler der Krieg, desto ärger die Euphemismen

Sieht man diese Zahlen und macht sich bewusst, dass bei dieser Entwicklung die Welt nicht wesentlich friedlicher geworden ist, wird klar, dass es die Kriegsministerien nach wie vor gibt. Sie heißen nur zunehmend nicht mehr so. Seit dem Ersten Weltkrieg ist der Krieg kein legitimes politisches Mittel mehr.

Krieg wird geächtet. „Nie wieder“, ruft mahnend die Stimme auf Käthe Kollwitz‘ berühmtem Plakat. So war es beim personell begrenzten Heer des Deutschen Reiches nur konsequent, dass es nicht zum Führen von Kriegen sondern für eine grundlegende Wehrfähigkeit der jungen Demokratie in der Lage sein sollte. Das dazugehörige Ministeramt saß im „Reichswehrministerium“.

Weltweit heißen die Ministerien, denen das Militär eines Landes untersteht, nun meistens „Verteidigungsministerium“. Diese Sprachregelung zeigt, dass die Welt einen weiteren Krieg mit schlimmen Folgen hinter sich hat. Nicht wehren, also kräftig zurückschlagen, ist die Devise, sondern sprachlich wird so getan, als ginge es allein darum, einen Ist-Zustand zu erhalten.

Was wird hier verteidigt?

Dass die Bundesrepublik sich gegen einfallende Ostblock-Truppen verteidigen können sollte, ist sprachphilosophisch noch hinnehmbar. Aber was koordiniert ein Verteidigungsministerium am Horn von Afrika, in Mali, in Afghanistan? Als der deutsche „Verteidigungsminister“ Peter Struck 2004 erklärte, des Landes „Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, hatte sich das kriegerische Neusprech schon in den Köpfen festgesetzt. Nicht am Verteidigen, sondern an der Entfernung hängte sich die Aufregung auf.

Alleine, dass die Bundeswehr „-wehr“ heißt und nicht ehrlicher, wie in Österreich, „Bundesheer“, ist sprachlich hoch manipulativ. Ihr Name wirkt auf Kindergartenkinder kaum anders als die Feuerwehr und bei dieser ist es doch auch vollkommen normal, dass die große Schwester und der Nachbarsjunge in der Jugendabteilung mitmachen. Im Grunde ist es pervers, das Töten von Menschen im Auftrag und potentielle Getötetwerden mit einem Wort zu belegen, das klingt, als würde es eine Gemeinschaft vor Urgewalten verteidigen.

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Uli in Philosophie am 27.01.2018 um 14.32 Uhr

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