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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Medichlorianer. Hans Söllner im Konzert


Fotograf: Uli
 (© Eckdose)

Reichlich verplant und durcheinander präsentierte sich Hans Söllner am Samstag in Dinkelsbühls großem Schrannensaal. Sätze führte er nicht zu Ende. Lieder musste er abbrechen, weil ihm Zeilen entfallen waren. Streckenweise stand er auf der beleuchteten Bühne vor seinen Begleitmusikern (Stefan am Schlagzeug, Denis am Bass) und wusste nicht, was er sagen wollte. Entweder stieg er dann mit bereits Gesagtem wieder ins (nicht vorhandene) Programm ein, oder er freute sich wie ein kleines Kind über die kleinen Tierchen, „Medichlorianer“ in seiner Flasche „lebendigen Wassers“.

Dieses Verhalten macht ihn so liebenswert und menschlich. Hans Söllner ist kein Auswendiglerner. Er ist kein Kabarettist. Aber er ist auch kein Reggae-Musiker, wenngleich er oft als solcher bezeichnet wird. Ein Unikat ist er, unbestritten. Denn an ihm lässt sich deutlich ablesen, dass freie Menschen nicht in Kategorien gefasst werden können. Er wirkt wie ein Schulbubi, wenn er den Faden verliert und das mit kuhler Frechheit kommentiert. Wie ein pubertierender Jugendlicher sieht er aus, wenn er den Staat kritisiert, sich über die Nutzlosigkeit der Polizeieinsätze erregt. Und ganz er selbst, der 53-jährige gestandene Mann, der gescheitert ist an den eigenen Idealen, ist er, wenn er da steht, melancholische Liebeslieder singt oder aufruft, die Finger von den Drogen zu lassen. Die Politik stirbt in ihm. Mit ihm stirbt eine Stimme für die Freiheit.

Seine Zottelmähne scheint mittlerweile gebändigt. Keine Dreads lugten mehr unter der Wollmütze hervor, die er die gut zweieinhalb Stunden über trug. Die ständige Schikane durch den Staat hat ihn wohl müde gemacht. Längst wirken Aussagen wie „Bauz euch euren Marihuana im Garten selber an“ nicht mehr wie der Aufruf eines Revoluzzers. Der Schwung fehlt. Es sind leere Worthülsen, die allein durch das Gesagtwerden komisch wirken.

Selbst behauptet er, keine Drogen mehr zu nehmen, gar seit Jahren sauber zu sein. Das muss er wohl auch. Denn: „an mir, da kommen’s net vorbei“. Seine Kritik am Staat fordert Reaktionen. Mit Mitteln, die einer Diktatur eigen sind, wird an Söllners Freiheit gesägt. Was bleibt, ist ein Mokieren über das Aussehen Seehofers. Wie schade, dass Angriffsflächen wie einst Strauß, Stoiber oder Beckstein verschwunden sind!

Der Mann hatte etwas los, ohne Frage. Wie nur wenige machte er sich Gedanken über die Welt und die Menschen. In ihm schwingt der Pazifist mit, der Jesus zutiefst verehrt und alle Gewalt verabscheut. Irgendwie scheinen ihn die Drogen, sein „gutes Kraut der Edeltraut“, die Ideen zerstört zu haben. Daher wohl auch die Aussetzer. Unglaubwürdig wirkte seine Erklärung, das komme nicht von den Drogen. Alleine die Tatsache, wie intensiv er sich mit seiner Wasserflasche beschäftigte, machte seine Aussage lächerlich. Schade, dass er selber über die komischen Ideen lachen musste.

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Uli in MAT: Events am 01.03.2009 um 14.06 Uhr

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Kommentare

Kommentar:

wer austeilt muss auch einstecken können..

matyes am 01.03.2009 um 18.19 Uhr.


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Lassts doch den oidn Mo’ in Ruh’ und basst liaba auf aire Kinder auf

Bosso am 01.03.2009 um 18.28 Uhr.


Kommentar:

wow... krass... ich finde der text triffts unheimlich gut. Hätt ich nie so in Worte fassen können, Respekt!

Hann0r am 02.03.2009 um 00.40 Uhr.


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