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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Ein Zwischenruf aus aktuellem Anlass

Wenn der Kanzler sich antisemitisch äußert und es keiner merkt

Friedrich Merz bei einer Rede in Erfurt 2024
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Urheber*in: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0
 (Creative Commons)

Als ich diese Aussage in indirekter Redeform in der Presse gelesen hatte, konnte ich es nicht glauben. Bundeskanzler Friedrich Merz habe auf einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Berlin am Abend des 17. September 2026 gesagt, dass die schlimmste Form der Ausländerfeindlichkeit Antisemitismus sei.

Nun mag man denken: Der Kanzler grenzt sich gegen Antisemitismus ab, ist doch gut! Endlich etwas Zustimmungswertes aus dem Mund desjenigen, der wegen als unzumutbar empfundener Äußerungen in steter Regelmäßigkeit die Schlagzeilen füllt.

Aber, Moment, was soll er da gesagt haben? Antisemitismus ist eine Form der Ausländerfeindlichkeit? Sollte das stimmen, dann hätte der Kanzler jene Trennung vorausgesetzt und manifestiert, die deutsche Jüdinnen und Juden schon einmal ins Verderben getrieben hat.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war genau dieses Denken weit verbreitet: Es gibt Deutsche und es gibt Juden. Oder anders ausgedrückt: Juden sind keine Deutsche, sondern leben auf deutschem Boden. Für die deutschen Jüdinnen und Juden bedeutete dies nicht nur eine massive Identitätsspaltung – schließlich waren sie Deutsche, trugen deutsche Namen, lebten und arbeiteten seit Generationen im heutigen Deutschland. Es bedeutet auch den Auftakt dazu, Jüdinnen und Juden aus der als „deutschnational“ bekannten Gesellschaft erst als „Nicht-Deutsche“ und bald schon als „Parasiten“ zu eliminieren.

Wenn wir wieder anfangen, jüdisches Leben in Deutschland als „fremd“ zu klassifizieren, und wenn wir wieder von unseren Nachbarn, die sich kaum mehr trauen, ihre jüdische Religiosität offen zu zeigen, als Ausländer reden – dann haben wir nicht nur nichts aus der Geschichte gelernt, sondern dann werden wir zu Wegbereiterinnen und Wegbereitern des Wiederholbaren.

Der Kanzler kann es nicht gesagt haben.

Eine Weile musste ich suchen. Dann fand ich die bittere Tatsächlichkeit.

Ab Minute 11:35 ist zu hören: „Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus.“

Er hat es nicht so gemeint, zugestanden. Seine Redenschreiberlinge haben im Kontext doch deutlich gemacht, dass er Jüdinnen und Juden als deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger begreift, sicher. Aber: Weder er noch die Redenschreiberlinge noch das CDU-Publikum noch die Presse scheint es überhaupt gemerkt zu haben: dass die bemühte Abgrenzung vom Antisemitismus im Kern antisemitisch ist.

Wir müssen wacher werden. Wacher für das, was wir sagen. Wacher für das, was wir hören. Wacher für das, was wir wählen. Und wacher für das, was wir als Gesellschaft und als Einzelne tun.

sophie in Gesellschaft am 18.09.2026 um 12.01 Uhr

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