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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Eine Fabel

Der Regenwurm und die Amsel


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)

Ein kleiner Regenwurm lebte unter einer großen Wiese. In der feuchten Erde versteckte er sich vor der heißen Sonne, denn er war sehr empfindlich. Nur selten kam er hinaus. Dann hinterließ der Regenwurm das, was er umgegraben hatte, als kleines Häuflein auf der Oberfläche.

Sein Leben als Regenwurm war im Grunde ganz angenehm. Vor der Sonne musste er sich in Acht nehmen. Und vor der Amsel. Wenn der Regenwurm zu laut grub, konnte die Amsel ihn auch noch leicht unter der Oberfläche finden. Das wusste der Regenwurm. Und die Amsel wusste, dass ein Regenwurm ein ganz gutes Mittagessen ist. Wenn der Regenwurm die Amsel singen hörte, gab es für ihn nur eine Richtung: nach unten.

Gefährlicher noch als die Amsel war der Maulwurf. Der Maulwurf lauerte auch unter der Erde. Dort hatte er seine Gänge und Höhlen. Das Geräusch, das man hören konnte, wenn der Maulwurf grub, war ein lautes, ein sehr lautes Kratzen und Klopfen. Wenn der Regenwurm den Maulwurf graben hörte, gab es für ihn nur eine Richtung: nach oben.

Eines Tages hörte der kleine Regenwurm unter seiner großen Wiese ein sehr lautes Kratzen und Klopfen. Es hämmerte und dröhnte so stark, dass er nur einen Weg kannte. Direkt grub er sich nach oben, wo er sich in Sicherheit brachte.

Dann erst merkte er, dass das Kratzen und Klopfen gar nicht vom Maulwurf stammte. Es war der Regen, der auf die Erde prasselte und ihn nun an die Oberfläche getrieben hatte.

Die Erde war ganz aufgeweicht. Wenn er jetzt wieder hinuntergehen würde, könnte er tief weggespült werden.

In seiner Verzweiflung kroch der kleine Regenwurm ein Stück über den Boden. Vielleicht würde der Regen nachlassen. Schwierig war die Strecke zwischen den Grashalmen auf seiner Wiese zu überwinden. Doch dann fand er eine große Stelle, an der gar nichts wuchs. Hier war die Erde auch nicht aufgeweicht.

Dort blieb der Regenwurm und wartete. Er wartete, bis kein Tropfen mehr fiel. Dann senkte er seinen Kopf, um sich in die Erde zu versenken. Aber nichts ging. Obwohl es geregnet hatte, war der Boden hier steinhart. So fest er auch drückte, der kleine Regenwurm konnte sich nicht eingraben.

Der Mistkäfer, der unter einem Blatt auf das Ende des Regens gewartet hatte, kam vorbei getrippelt. Er wunderte sich, den Regenwurm hier zu sehen: „Regenwurm!“, rief er, „Der Regen hat aufgehört. Müsstest du nicht längst wieder unter der Erde sein? Die Sonne kommt doch schon zwischen den Wolken heraus!“

Der kleine Regenwurm drehte sich dorthin, wo der Gestank herkam und antwortete dem Mistkäfer: „Ja, denkst du denn, ich bin blind? Ich habe die Sonne auch schon gesehen. Eigentlich bin ich nur hier hin, weil der Boden nicht so matschig ist. Hier ist es bestimmt leichter, mich einzugraben ohne gleich zu versinken.“

„Das wird aber nicht klappen. Du bist auf einer Straße. Der Boden ist keine Erde, sondern Asphalt. Sieh doch nicht immer nur nach oben und unten! Du musst dich auch mal nach links und rechts umsehen und dann den kürzesten Weg zurück zur Wiese kriechen. Sonst trocknest du in der Sonne aus.“

„Ach Quatsch, das klappt sonst auch!“, rief der Regenwurm aufgeregt. „Was hast denn du für eine Ahnung von Regenwürmern! Du wühlst doch den ganzen Tag nur im Mist und stinkst, auch wenn es geregnet hat, meilenweit gegen den Wind.“ Er senkte wieder seinen Kopf, um sich zu vergraben.

Da trippelte der Käfer weiter seinen Weg hin zu einem Kuhfladen auf der anderen Straßenseite.

Die Sonne wurde nun kräftiger und der Asphalt langsam trockener. Noch immer krümmte sich der kleine Regenwurm an derselben Stelle. Er mühte und plagte sich, doch in die Erde konnte er sich nicht eingraben. Immer weniger wurde seine Kraft, je mehr er spürte, dass er austrocknete.

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Uli in Lebenskunde am 16.07.2014 um 21.21 Uhr

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