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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Weitschweifige Hintergründe eines Verstecks

Das weite Netz der Geschichte


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)

Als vor einigen Tagen der lang gesuchte, mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladić gefunden wurde, fiel der Blick zwangsläufig auf sein letztes Versteck. Bei Verwandten sei er untergekommen. Dem Dorf Lazarevo in der serbischen Provinz Vojvodina blieb der Medien-Ansturm nicht erspart. Ein so sehr gesuchter Mensch kann sich so lange – seit 1995 liegt ein internationaler Haftbefehl vor - verstecken. Interessanter als die zeitliche Nähe zum Auffinden Osama Bin Ladens ist ein Blick auf die Familienhintergründe Mladićs und die Landkarte. Plötzlich kann Weltgeschichte Ereignisse der Gegenwart erklären.

Als das faschistische Deutschland die politische Ordnung des Balkans durcheinander gebracht hatte, kam Ratko Mladić zur Welt. Sein Geburtsort ist ein kleines Dorf namens Božanovići, im Osten des heutigen Bosnien-Herzegowinas. Für die Kriegsjahre hatten die Nazis den Kroaten einen unabhängigen Staat geschenkt. Teile der heutigen Länder Kroatien, Bosnien-Herzegowina mit dem Nordwesten Serbiens hingen zusammen. Darunter auch erwähnter Geburtsort. Den Serben – deren Volk nicht nur im heutigen Serbien, sondern auch im Osten Kroatiens und Bosniens lebte – war ein kleiner Rumpfstaat südlich von Belgrad verblieben. Das Banat, der Landstrich nördlich Belgrads, gehörte offiziell zu diesem Land, wurde aber von der deutschen Minderheit verwaltet.

Die deutsche Minderheit war als Siedler im 19. Jahrhundert in diesen südlichen Donaubereich gelangt. Ihre Vorfahren stammten aus dem südlichen Ungarn und aus Siebenbürgen, was heute in Rumänien liegt. Eines der Dörfer, das Deutsche nach 1800 gründeten, ist Lazarevo, wo General Mladić sich zuletzt versteckt hatte. Die Siedlung wurde als Pacht auf dem Landbesitz eines Armeniers errichtet.

Als sei die Geschichte nicht schon kompliziert genug! Die verschiedenen Völker der Bosniaken, Kroaten und Serben und ihre schwer nachvollziehbaren Verbreitungsgebiete sind noch gar nicht genannt worden. Die aus diesen schwierigen Grenzziehungen folgenden Jugoslawienkriege sind Inhalt für dicke Bücher. Die Verbrechen, die Mladić vorgeworfen werden, spielen sich in den ethnischen Konflikten der 1990er Jahre ab. Und nun tauchen, scheinbar unnötig und verwirrend, Deutsche und ein Armenier auf.

Armenien liegt im Kaukasus. Serbien liegt auf dem Balkan. Zwischen dem Balkan und dem Kaukasus erstreckt sich die Türkei, die etwa doppelt so breit wie Deutschland lang ist. Im Mittelalter waren erfolgreiche armenische Kaufleute rund um das Schwarze Meer anzutreffen. Diese hatten ihre Siedlungen und trieben erfolgreich Handel mit Kaufleuten aus Genua. In der Folge zahlreicher Kriege und Vertreibungen gelangte eine große Zahl an Armeniern nach Siebenbürgen. Dort erhielten sie Sonderrechte, durften zwei eigene Städte und einige Dörfer gründen. Einer dieser Armenier war Lukas Lazar. Er kaufte 1782 einiges Land im südlichen Banat. Deutsche Siedler pachteten es und sorgten für die Bewirtschaftung. Ihrem „Vermieter“ zur Ehre nannten sie das Dorf: Lazarfeld. Der ungarische Name Lázárföld erinnert noch heute an die einstigen Pächter.

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Uli in Geschichte am 29.05.2011 um 14.27 Uhr

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