Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Sprechende Namen lassen Geschichten spannender werden

Herr Potenz trifft Frau Freundin


Urheber: Julius Schnorr von Carolsfeld
 (Creative Commons)

Ein schönes Märchen aus Kindertagen klingt in meinen Ohren und wird in Bildern einer blonden jungen Prinzessin deutlich, hinter sanftrosa Rosen hundert Jahre schlafend. Dornröschen, das ein schönes Kind war und dem kein Prinz die erhoffte Rettung bringen konnte, ehe nicht die Frist des hundertjährigen Schlafes verstrichen war. Dornröschen ist Titel der Geschichte und zugleich Name ihrer Hauptfigur. Der Name erzählt an sich schon eine ganze Menge – so wie viele Namen in vielen Geschichten, decken wir sie erst einmal auf.


Urheber: Julius Schnorr von Carolsfeld
 (Creative Commons)

Ein schönes Märchen aus Kindertagen klingt in meinen Ohren und wird in Bildern einer blonden jungen Prinzessin deutlich, hinter sanftrosa Rosen hundert Jahre schlafend. Dornröschen, das ein schönes Kind war und dem kein Prinz die erhoffte Rettung bringen konnte, ehe nicht die Frist des hundertjährigen Schlafes verstrichen war. Dornröschen ist Titel der Geschichte und zugleich Name ihrer Hauptfigur. Der Name erzählt an sich schon eine ganze Menge – so wie viele Namen in vielen Geschichten, decken wir sie erst einmal auf.

Kein Deutschsprechender käme ernsthaft auf die Idee, seine Tochter Dornröschen zu nennen. Widerspenstige Schönheit kann man sich vorstellen, stößt man auf den Namen. Auch ein Schneewittchen wird mit ein wenig Phantasie als bleiche Figur lebendig. Dabei hat die verstoßene Stieftochter keinen anderen Namen als die Schwester Rosenrots: Schneeweißchen in seiner platt- bzw. niederdeutschen Fassung. So wird ein sprechender Name, wechselt er Regionen und Sprachen, plötzlich zum Eigennamen mit eigener Dynamik.

Sprechen kann er dann wieder, wenn man seiner Ursprungssprache und ursprünglichen Umwelt nachspürt. Wer versteht denn all die beliebten Vornamen noch? Schmunzelt jemand, wenn ein Kind als Nemo (griechisch-lateinsch: „Niemand“) vorgestellt wird? Schwingt bei Esther (assyrisch „Ischtar“, die Liebesgöttin) noch irgend eine Erotik mit? Während unsere deutschen Vornamen nie die Sprache verlassen haben, sind sie wegen des Sprachwandels unverständlich geworden. Wir haben so verlernt, Geschichten über Ludwigs, Dietrichs, Gudruns oder Hildegards zu erzählen und auf deren Namen zu achten. Kaum jemand weiß die Bedeutungen – und so achten wir auch bei Geschichten mit fremden Namen nicht mehr auf die spannenden Nebensinne und Zweithandlungen.

Die hebräische Sprache, die Sprache des alten Testaments der Bibel, ist voller solcher sprechender Namen. Beim Lesen oder Übersetzen ist manchmal gar nicht klar, ob ein Name oder ein normales Wort mit seinem Sinn im Satz gemeint ist.

Ein solches Beispiel ist Ruth. Heute ein gewöhnlicher Frauenname, gibt es in der hebräischen Bibel eine Geschichte über eine Frau namens Ruth. Das ist keine Geschichte, deren Hauptfigur genauso gut Waltraut, Gisela oder Hedwig heißen könnte. Wenn man den Text liest, steht dort eine Frau, die „Freundin“ heißt. Aber fangen wir von vorne an, denn ein Name ist noch keine ganze Geschichte.

Liest man den Anfang, erfährt man, dass zur Zeit, als noch keine Könige über das Land herrschten, Elimelech, in Bethlehem mit Noomi verheiratet ist. Wegen einer Hungersnot zieht er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen, Machlon und Kiljon nach Moab. Erst stirbt Elimelech, dann siechen bald Machlon und Kiljon dahin. Noomi steht mit ihren moabitischen Schwiegertöchtern Ruth und Orpa alleine da. An und für sich nicht spektakulär. Hungersnöte kennt man noch immer und es kommt vor, dass man deswegen mit Kind und Kegel fortzieht. Dass eine ganze oder halbe Sippschaft draufgeht, das aber klingt unlogisch, so ganz ohne Grund. Personen, die in Geschichten nur eine geringe oder gar keine Rolle spielen, haben zudem keine Namen. Man muss sie ja später nicht mehr nennen.

Diese Merkwürdigkeit ergibt sich nicht mehr, wenn man beim Erzählen mit übersetzt: In der Zeit ohne menschliche Könige lebt Mein-Gott-ist-König in Brothausen mit seiner Frau Lieblich. Wegen der Hungersnot geht er mit ihr und den Söhnen Kränklich und Schwächlich ins Land Vaterlos. Dort verliert – wie könnte es auch anders sein – die Familie ihr Oberhaupt. Kränklich und Schwächlich sterben dahin. Von ihnen hätte man auch nichts Anderes mehr erwartet.

Weil Lieblich in Brothausen Land besitzt, möchte sie in ihre Heimatstadt zurück. Ihren Schwiegertöchtern Freundin und Halsstarrig bietet sie an, zu ihren Ursprungsfamilien in Moab heimzugehen. Freundin spricht ihr das Vertrauen aus und weicht nicht von ihr, Halsstarrig bleibt zurück. In Brothausen verliebt sich Ruth, die Freundin, in den reichen und mächtigen Boas. Dass aus dieser Liebe etwas wird, ist nahezu selbstverständlich. Boas, wörtlich In-ihm-ist-Kraft, kann man durchaus mit Herr Potenz übersetzen. Das findet sich aber in keiner Bibelübersetzung mehr. Manchmal sprechen die Namen wohl zu viel.

Kein Deutschsprechender käme ernsthaft auf die Idee, seine Tochter Dornröschen zu nennen. Widerspenstige Schönheit kann man sich vorstellen, stößt man auf den Namen. Auch ein Schneewittchen wird mit ein wenig Phantasie als bleiche Figur lebendig. Dabei hat die verstoßene Stieftochter keinen anderen Namen als die Schwester Rosenrots: Schneeweißchen in seiner platt- bzw. niederdeutschen Fassung. So wird ein sprechender Name, wechselt er Regionen und Sprachen, plötzlich zum Eigennamen mit eigener Dynamik.

Sprechen kann er dann wieder, wenn man seiner Ursprungssprache und ursprünglichen Umwelt nachspürt. Wer versteht denn all die beliebten Vornamen noch? Schmunzelt jemand, wenn ein Kind als Nemo (griechisch-lateinsch: „Niemand“) vorgestellt wird? Schwingt bei Esther (assyrisch „Ischtar“, die Liebesgöttin) noch irgend eine Erotik mit? Während unsere deutschen Vornamen nie die Sprache verlassen haben, sind sie wegen des Sprachwandels unverständlich geworden. Wir haben so verlernt, Geschichten über Ludwigs, Dietrichs, Gudruns oder Hildegards zu erzählen und auf deren Namen zu achten. Kaum jemand weiß die Bedeutungen – und so achten wir auch bei Geschichten mit fremden Namen nicht mehr auf die spannenden Nebensinne und Zweithandlungen.

Die hebräische Sprache, die Sprache des alten Testaments der Bibel, ist voller solcher sprechender Namen. Beim Lesen oder Übersetzen ist manchmal gar nicht klar, ob ein Name oder ein normales Wort mit seinem Sinn im Satz gemeint ist.

Ein solches Beispiel ist Ruth. Heute ein gewöhnlicher Frauenname, gibt es in der hebräischen Bibel eine Geschichte über eine Frau namens Ruth. Das ist keine Geschichte, deren Hauptfigur genauso gut Waltraut, Gisela oder Hedwig heißen könnte. Wenn man den Text liest, steht dort eine Frau, die „Freundin“ heißt. Aber fangen wir von vorne an, denn ein Name ist noch keine ganze Geschichte.

Liest man den Anfang, erfährt man, dass zur Zeit, als noch keine Könige über das Land herrschten, Elimelech, in Bethlehem mit Noomi verheiratet ist. Wegen einer Hungersnot zieht er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen, Machlon und Kiljon nach Moab. Erst stirbt Elimelech, dann siechen bald Machlon und Kiljon dahin. Noomi steht mit ihren moabitischen Schwiegertöchtern Ruth und Orpa alleine da. An und für sich nicht spektakulär. Hungersnöte kennt man noch immer und es kommt vor, dass man deswegen mit Kind und Kegel fortzieht. Dass eine ganze oder halbe Sippschaft draufgeht, das aber klingt unlogisch, so ganz ohne Grund. Personen, die in Geschichten nur eine geringe oder gar keine Rolle spielen, haben zudem keine Namen. Man muss sie ja später nicht mehr nennen.

Diese Merkwürdigkeit ergibt sich nicht mehr, wenn man beim Erzählen mit übersetzt: In der Zeit ohne menschliche Könige lebt Mein-Gott-ist-König in Brothausen mit seiner Frau Lieblich. Wegen der Hungersnot geht er mit ihr und den Söhnen Kränklich und Schwächlich ins Land Vaterlos. Dort verliert – wie könnte es auch anders sein – die Familie ihr Oberhaupt. Kränklich und Schwächlich sterben dahin. Von ihnen hätte man auch nichts Anderes mehr erwartet.

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Uli in Literatur am 16.07.2010 um 23.19 Uhr

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