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Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Sieben Tage bis Weihnachten


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Fotograf: Uli
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Sonntag, 18. Dezember. Sieben Tage bis Weihnachten

Alles begann am vierten Advent. Das war ein Sonntag. Frau Etter schob gerade ihr Fahrrad um die Ecke, wie jeden Sonntag, wenn sie vom Friedhof kam. Dort besuchte sie ihren Mann, seit Jahren. Weil die Kinder schon lange weit weg wohnten, die Tochter in Hamburg, der Sohn in Basel – steuerlich war das wohl von Vorteil. Das erzählte der Sohn aus Basel zumindest immer der Schwester in Hamburg. Aber darum geht es jetzt nicht. – weil die also weit weg wohnten, besuchte sie die eher selten. Und die besuchten sie auch eher selten.

Nach dem Rückweg vom Friedhof jedenfalls bemerkte sie es: Unter dem Kranz aus Immergrün, der immer grün im Advent ihre Türe schmückte, stand neben ihrem katzenförmigen Fußabtreter ein kleiner Tannenbaum von der Größe eines durchschnittlichen Gartenzwergs. Frau Etter war so überrascht, dass sie erst einmal ihr Fahrrad abstellen musste. „Jesusmaria!“, rief sie aus und klatschte vor Freude in die Hände. Dann fragte sie den kleinen Baum: „Was machst du denn hier?“ Doch der Tannenbaum wollte weder antworten noch erzählte er, ob ihn jemand vergessen hätte.

Tatsache war aber, dass Frau Etter noch keinen Tannenbaum hatte. Ihr Sohn würde es dieses Jahr an Weihnachten auch erst am 25. Dezember aus Basel her schaffen. Deswegen würde Frau Etter eigentlich dieses Jahr gar keinen Baum haben, weil ihr der Sohn dieses Jahr keinen von den Pilhofers bringen konnte. Pilhofers wohnten nämlich auf dem Aussiedlerhof und die hatten eine Baumschule. Und jedes Jahr im Advent hatten die auch Tannenbäume. Das war schon so beim alten Pilhofer. Mit dem Fahrrad war der Hof aber zu weit weg. Zumal mit einem Baum.

Am Tannenbaum war keine Karte. „Wir machen das jetzt so“, sagte Frau Etter. „Wenn dich bis heute Abend niemand abgeholt hat, dann kommst du zu mir ins Wohnzimmer.“ Der Tannenbaum widersprach nicht. Frau Etter setzte sich in ihre Küche, sah aus dem Fenster und wartete. Sie steckte die vierte Kerze an und wartete. Sie goss sich einen Tee in die Tasse ein, drehte das Radio mit dem dritten Programm an und wartete. „Süßer die Glocken nie klingen“, sang Heintje aus dem Lautsprecher über dem Kühlschrank. Genau wie früher, als Gottlieb noch lebte. Gottlieb war der Mann von Frau Etter, den sie jeden Sonntag besuchte.

Als es Abend wurde und die Straßenlaternen ihren fahlen Schein auf die kalten Pflastersteine warfen, sah Frau Etter durch ihren Türspion in die Dunkelheit. Nichts war zu sehen. Sie lächelte, schloss die Türe auf und nahm den völlig durchgefrorenen Baum in ihre gute Stube. „Na, da hat uns aber jemand eine Freude gemacht“, sagte Frau Etter. „Ob das wohl der Herbert war?“ Der Herbert war nämlich der beste Freund von Gottlieb gewesen. Und der Herbert hatte auch schon Frau Etters Fahrrad repariert, als Frau Etter im Herbst auf nassem Laub ins Rutschen gekommen war und das Vorderrad daraufhin vollkommen verbeult war. „Eine glatte Acht“, hatte er damals gesagt und ihr das Rad nach zwei Tagen wiedergebracht.

Die Frau vom Herbert, Marieluise, hatte Frau Etter am Freitag beim Gemüsestand getroffen. Freitags kam immer Frau Wagemann mit dem kleinen Transporter und verkaufte Gemüse und Blumen auf dem Dorfplatz. Zwischen Blumenkohl und Wintersalat hatte Marieluise berichtet, dass an Weihnachten die Enkelin aus den Staaten kommen würde und der Herbert deswegen extra echte Kerzen an den Baum steckt. Das haben die in Amerika nicht. Da hatte dann Frau Etter Marieluise und Frau Wagemann erzählen müssen, dass sie dieses Jahr zum ersten Mal keinen Baum von den Pilhofers holen würde, weil der Sohn erst am ersten Feiertag kommt. Aber das würde ja auch nichts ausmachen, denn sie bräuchte ja auch keinen Baum, weil es an Weihnachten nicht auf den Baum ankomme. So hatte sie es zumindest Marieluise und Frau Wagemann erzählt. Ein bisschen schämte sich Frau Etter nämlich, zuzugeben, dass sie schon ganz gerne einen Tannenbaum hätte.

Der Baum war nun da und Frau Etter wollte sich gerne revanchieren. Sie war sich sicher, dass Marieluise dem Herbert davon erzählt haben musste. Also machte sie die oberste Schublade von Gottliebs Sekretär auf und nahm ein großes weißes Blatt Tonkarton heraus. Dann holte sie aus der Küche die gute Schere und noch den Bleistift vom Telefontischchen. So ausgestattet setzte sie sich an den Stubentisch. Die Stimme im Radio kündigte gerade bestens gelaunt für den 24. Dezember Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt an. Frau Etter zog die Plätzchenschale zu sich heran und fuhr den großen Kreis entlang. Dann zeichnete sie die weiteren Linien auf den Karton, ehe sie sich mit der Schere daran machte, alles zurechtzuschneiden. Nach einiger Faltarbeit und den 19-Uhr-Nachrichten im Radio war da ein kleiner weißer Engel aus Papier auf Frau Etters Stubentisch. Sie lächelte und malte mit dem Stift noch zwei Augen auf.

Frau Etter drehte das Radio aus, zog sich Jacke und Schal über und tauschte ihre Pantoffeln gegen Stiefel. Behutsam setzte sie den Engel in ihren Fahrradkorb, schaltete das Licht an und fuhr die Straße runter bis zum Haus, wo Marieluise und der Herbert wohnten. Auf dem Schuhputzer stellte sie den Engel ab, tätschelte ihm noch liebevoll über den weißen Glatzkopf und sie hatte den Eindruck, als würden ihr die kleinen Bleistiftaugen zublinzeln.

„Du, Herbert, ich glaube, ich habe da was gehört“, sagte Marieluise zum Herbert und legte ihre Gabel beiseite. „Was du immer hörst“, brummelte der Herbert. „Doch wirklich, Herbert“, versicherte Marieluise und stupste ihn am Arm. „Geh doch mal bitte nachschauen. Vielleicht sind da Einbrecher. Neulich habe ich noch mit Renate gesprochen – ich glaub, beim Apotheker war’s – und die Renate hat erzählt, dass bei den Pilhofers doch tatsächlich die Kasse geklaut wurde. Irgendwas geht da um. Jetzt schau doch mal bitte, Herbert.“

Der Herbert legte in aller Gemütsruhe die Serviette neben den Teller, schob seinen Stuhl zurück und marschierte zur Tür. Der Herbert wusste, dass wenn er nicht machte, was Marieluise wollte, dass sie ihn dann so lange nerven würde, bis er machte, was sie wollte. Und dann war der Abend aber gelaufen und er würde von den Nachrichten überhaupt nichts mehr mitkriegen, weil sie ihm alle zwei Sätze erzählen würde, was sie da draußen gehört hatte. Und dass die Kasse bei den Pilhofers gestohlen wurde, stimmte ja gar nicht. Er selbst hatte den jungen Pilhofer, als er am Samstag den großen Baum geholt hatte, gefragt, was an dem Gerücht dran sei. Der Herbert hatte nämlich die Geschichte von der Kasse am Donnerstagabend von Fritz Wagemann beim Kartenspielen gehört. Er ging also nur zur Tür, um Marieluise das Gefühl zu geben, dass er hier für die Sicherheit sorgt. Und weil er die Nachrichten hören wollte.

Es waren keine Einbrecher vor der Tür. Der Herbert zog die Tür auf, rief laut: „Na also, da ist doch nichts!“ Dann erst guckte er nach links und nach rechts und da war wirklich nichts. Dann schaute er noch nach oben zu dem Fenster im ersten Stock, an dem das Rosenspalier endete und da war auch nichts. Dann schaute er nach unten und ein kleines glatzköpfiges weißes Wesen lächelte ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. Mit beiden Händen hob er es auf. „Du, Marieluise, da hat jemand was vor die Tür gestellt.“, rief er. Und Marieluise schrie aus der Küche: „Das war bestimmt Renate. Was ist es denn?“ – „Ein Engel. Aus Papier. Der war da auf dem Schuhputzer.“, antwortete der Herbert und brachte den Engel zu Marieluise. „Ein Engel? Aus Papier? Nein, nein, das war nicht die Renate. Renate kann überhaupt nicht basteln. Das war bestimmt Klara.“

Neben der Enkelin in den Staaten hatten Marieluise und der Herbert auch noch Klara. Das war die Tochter von ihrem Sohn Dieter. Klara ging in die siebte Klasse der Waldorfschule und hatte dementsprechend oft irgendwelche gebastelten Sachen. Bestimmt auch einen Engel aus Papier. Im Wohnzimmer von Marieluise und dem Herbert hingen bereits ein gestricktes Huhn, ein großer mit Wachsmalstiften gemalter Herbstbaum aus der dritten Klasse und natürlich einige Fröbelsterne. Marieluise wunderte sich zwar ein bisschen, dass Klara nicht geklingelt hatte, aber immerhin war bald Weihnachten.

Montag, 19. Dezember. Sechs Tage bis Weihnachten

Am nächsten Morgen, als der Herbert sich gerade vor dem Spiegel rasierte, packte Marieluise eine Tafel Nuss-Nougat-Schokolade – die mochte Klara besonders – in Geschenkpapier ein. Oben drauf malte sie noch einen Engel, damit Klara auch wusste, von wem das Geschenk kam. Aus der Zeitung schnitt sie die einzelnen Buchstaben K L A R A aus. Das war gar nicht so einfach, die Großbuchstaben aus den Überschriften zusammenzusuchen.

Dem Herbert, der gerade noch an seinem Kaffee saß und den Sportteil studierte – Lokalteil ging nicht, da fehlten überall Buchstaben, aber er sagte da nichts mehr –, trug sie später auf, er solle auf dem Weg zum Kerzenkaufen noch das Geschenk für Klara an Dieters Tür ablegen.

Es kam, wie es kommen musste. Klara fand das Geschenk und wusste sofort, dass es nur von Alex kommen konnte. Und deshalb machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Alex hatte sie neulich als Engel bezeichnet. Das war zwar, als sie für das Krippenspiel geübt hatten und weil Klara da den Engel spielte, aber er hatte es wirklich gesagt. Zu ihr. Und das war doch eindeutig. Meinte Paula dann nämlich auch. Und jetzt lag noch die Schokolade da. Sie wusste, dass er wusste, dass sie diese Sorte mag, weil sie nämlich bei der letzten Probe die Tafel von ihrer Oma dabei hatte und Alex ein Stück angeboten hatte. Das war nun echt eindeutig.

Klara rief sofort bei Paula an. Paula kam rum und die beiden überlegten unter aufgeregtem Kichern, wie es jetzt weitergehen sollte. Es war nämlich eindeutig etwas zu tun.

Die beste Idee hatte dann Paula. Also gingen sie in die Küche. Zum Glück kamen Klaras Eltern heute später, weil sie noch den Baum holen wollten und deshalb nach der Arbeit auch noch bei Pilhofers vorbeifuhren. Klara und Paula suchten Mehl, Eier, Zucker und Butter in der Küche zusammen und Klara stieg auf den Küchenstuhl, um vom Küchenschrank die Ausstechformen zu holen. Sie waren dort nämlich schon so lange Klara denken konnte in einer alten Milchkanne. Paula meinte noch, es müsse unbedingt ein Herz sein, aber das war eh klar.

Als die Herzen ausgestochen und gebacken auf dem Tisch lagen, suchten Klara und Paula die schönsten heraus. Säuberlich stapelten sie die Plätzchen in einen Cellophanbeutel, schnürten ihn oben mit rotem und weißem Band zu und ließen die Küche als ein einziges Schlachtfeld und die weniger schönen Herzen auf dem Küchentisch zurück.

„Meinst du, Alex wird sich auch wirklich freuen?“, fragte Klara auf dem Weg am Spielplatz vorbei. „Aber eindeutig“, sagte Paula. Und Klara war sich wirklich sicher.

Als Alex am Abend vom Fußballtraining – eigentlich hatten sie diesmal gar kein Training, sondern die Weihnachtsfeier im Sportheim und obwohl Alex erst 15 war, hatte er Glühwein getrunken. Aber darum geht es jetzt nicht. – als er also nach Hause kam, sah er vor der Tür einen glitzernden Beutel voller Kekse. Weil Alex vom Glühwein schon etwas glühte, sah er sich die Plätzchen gar nicht genauer an. Er legte sie zusammen mit dem Schlüssel auf der Kommode im Flur ab und sich auf sein Bett. Dann fiel ihm plötzlich Klara ein, die in ihrem Engelskostüm einfach wunderbar ausgesehen hatte und schnarchte selig weg.

Die Kekse fand Alex’ Mutter, die etwas später aus der Arztpraxis kam, wo sie als Arzthelferin arbeitete. Vor Weihnachten kam sie da immer erst sehr spät raus, weil im Winter sowieso alle möglichen Menschen erkältet sind und heute auch noch Frau Wagemann sich beim Stechen vom Wintersalat mit dem Messer ziemlich übel in die Hand geschnitten hatte. Auf den Zeitplan von Alex’ Mutter hatte das einige Auswirkungen, sodass der Einkauf erst mit dem Feierabendlied im Supermarkt erledigt werden konnte.

Über die Herzplätzchen auf der Kommode wunderte sie sich sehr, als sie ihren Schlüssel dort ablegte. „Nanu, hat Frau Wagemann jetzt extra Plätzchen gebracht, weil wir sie so schnell versorgt haben?“, wunderte sie sich. Als Alex auf ein Rufen nicht reagierte, streckte sie ihren Kopf in sein Zimmer, aus dem ihr der süßliche Geruch von Nelken in Alkohol entgegenwaberte. „Alex, sind die Kekse von den Wagemanns?“ Im Bett drehte sich Alex nur einmal schwerfällig um und gab irgendetwas von sich, das wie „Hm“ klang. „Also doch“, war Alex’ Mutter mit der Antwort zufrieden. „Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sagte sie, aber Alex schwebte schon wieder mit den Engeln über der Krippe.

Alex’ Mutter ließ sich nur ungern etwas schuldig bleiben. Obwohl sie sehr müde war, setzte sie sich noch am selben Abend hin und schrieb mit ihrem Kalligraphiefüller die „Verse zum Advent“ von Fontane auf Pergamentpapier. Sie pustete übers Blatt zum Trocknen, rollte es zusammen, verschnürte es mit einem roten Stoffband, das mit goldenen Sternchen bedruckt war, und war mit sich sehr zufrieden.

Dienstag, 20. Dezember. Fünf Tage bis Weihnachten

Frau Wagemann, deren Mann die Papierrolle beim Schneeschippen – nachts hatte es geschneit – vor der Türe fand, freute sich riesig, dass jemand so nett an sie gedacht hatte. Sie hatte sich aber auch wirklich übel geschnitten. Davon wussten: natürlich ihr Mann, aber der schrieb keine Gedichte. Renate, die sie beim Apotheker getroffen hatte, aber die kann gar nicht basteln. Und dann noch Andi Müller aus der Neubausiedlung, der mit ihr im Wartezimmer beim Arzt gesessen war und eine ganz schlimme Erkältung gehabt hatte. Dass der Fontante mochte, war zwar komisch. Aber allein im Ausschlussverfahren konnte es ja nur Andi Müller gewesen sein.

Fritz Wagemann konnte sich trotz seines frühmorgendlichen Frondienstes beim Schneeräumen nicht davor drücken, unter Aufsicht seiner Frau eine Hühnerbrühe zu kochen. Während er die Sellerie schnippelte, dachte er daran, dass er es besser erwischt hatte als der Herbert. Was der immer beim Kartenspielen erzählte...

Die Brühe kam in ein abgekochtes Einmachglas. Dann musste Fritz Wagemann ein Bastschleifchen drum herum binden. Das war auch nicht einfach. Sonst machte das immer seine Frau. Abgekühlt gelangte das Einmachglas mit der Hühnerbrühe dann vor die Tür von Andi Müller in der Neubausiedlung.

Mittags klingelte der Postbote bei Andi Müller. Er brachte ein Päckchen von dessen Tante. Weil er sich also sowieso vom Sofa hochquälen musste und den Berg von Taschentüchern in alle Richtungen schüttelte, fand Andi Müller vor der Türe ein Glas mit angefrorener Brühe. „Wie nett, dass meine Nachbarin an mich denkt“, dachte Andi Müller und friemelte ein Taschentuch aus seiner Jogginghose. Seine Nachbarin war Renate und die kann kochen. Da kann man nichts sagen!

Andi Müller ging trotz Tropfnase in den Keller und zog eine Flasche Sekt heraus. Über den Jogginganzug zog er seinen Wintermantel, schlüpfte in die Stiefel und stapfte durch den ungeräumten Schnee nach nebenan. Den Sekt stellte er vor Renates Tür.

Renates Schwiegersohn fand abends den Sekt vor der Türe und war freudig überrascht über den Gruß von Monika, die mit ihm in der Firma arbeitete. Sie hatten sich am selben Tag darüber unterhalten, was sie an Silvester so vorhätten. Also fragte er seine Schwiegermutter, ob noch etwas von ihrem guten Christstollen da sei – kochen und backen kann Renate nämlich echt gut, da kann man nichts sagen! – . Tatsächlich war noch Christstollen da, genug, zum Verschenken.

Mittwoch, 21. Dezember. Vier Tage bis Weihnachten

Am Mittwoch nahm Renates Schwiegersohn einen Umweg an Monikas Haus vorbei, wo er ganz geschickt und ungesehen den Stollen vor der Tür ablegte.

Monika wusste, dass der Stollen von ihrer Freundin Sabine stammen musste und freute sich über das unverhoffte Geschenk. Sabine dachte bei dem Tee, der plötzlich vor ihrer Türe stand, dass der von ihrem Bruder sein müsse, der an Weihnachten nämlich gar nicht da sein würde, weil er am 22. morgens in den Urlaub flog und es den Tag vorher bestimmt wieder mal so eilig hatte, dass es weder für eine Karte noch fürs Klingeln gereicht hatte. Aber weil er das ja auch nicht böse meinte, legte Sabine ihm ihr Geschenk vor die Tür.

Donnerstag, 22. Dezember. Drei Tage bis Weihnachten

Sabines Bruder fand das Päckchen – der Flug wurde wegen starken Schneefalls ersatzlos gestrichen – vor seiner Türe, als er gerade aufbrechen wollte, um jetzt doch einen Baum von den Pilhofers zu holen. Seine Frau dachte beim Geschenk an Schmidts und er revanchierte sich mit einem kleinen Holzstern, den sie Schmidts vor die Türe stellten. Schmidts legten Thieringers etwas vor die Türe. Benni, der Sohn von Thieringers, fand das Geschenk und sah es als Gruß seiner besten Freundin Laura, der er den kleinen Stoffteddy vor die Tür setzte. Laura legte Webers etwas vor die Tür, von Webers ging die Geschenkkette zum Pfarrer, von diesem am Abend zur Küsterin.

Freitag, 23. Dezember. Zwei Tage bis Weihnachten

Auch am Freitag wanderten Menschen durchs ganz Dorf, freudig damit beschäftigt, sich für das Geschenk bei den vermeintlichen Schenkern mit einem Gegengeschenk zu bedanken.

Samstag, 24. Dezember. Ein Tag vor Weihnachten

An Heiligabend beim Krippenspiel kam dann alles raus. Zumindest fast. Der Pfarrer hatte ein Geschenk erwähnt, das die Küsterin ihm gemacht hatte. Aber die wusste genau, dass sie ihm das nicht gemacht hatte. Und dann ging das Gemurmel in den Kirchenbänken aber los. Die Webers kamen auf Laura, Laura erstaunt auf Benni Thieringer, die Thieringers hörten von Schmidts, Schmidts von Sabines Bruder nebst Schwägerin, die ja überhaupt nicht in den Urlaub geflogen waren und deshalb später in die Christmette gingen. Dort trafen sie dann auf Sabine und der war jetzt sofort klar, dass ihr Geschenk also von Monika kam.

Zu diesem Zeitpunkt hörte auch in der Christmette dem Pfarrer keiner mehr zu. Den Weg der Geschenke verfolgte die festlich versammelte Gemeinde quer durch die Bänke. Auch nach dem „O du fröhliche“ zog es niemanden nach Hause unter den eigenen Weihnachtsbaum. Baum war dann aber das Stichwort, denn bei Frau Etters Baum kam man einfach nicht mehr weiter. Weil Pilhofers jedoch nicht im Gottesdienst waren – die waren nämlich bei den Methodisten – konnte man die jetzt nicht fragen, wer bei ihnen den Tannenbaum in der Größe eines durchschnittlichen Gartenzwergs gekauft hatte.

Sonntag, 25. Dezember. Weihnachten

Mitternacht war es, als das gesamte Dorf sich auf den Weg zum Aussiedlerhof der Pilhofers machte. Sowas gab es zuletzt beim alten Pilhofer, als die Christmette noch auf dem Hof gefeiert wurde. Alle schnatterten wild durcheinander, dass das Geblöke der Schafe in der ersten Heiligen Nacht ein sanftes Wiegenlied dagegen gewesen wäre. „Macht doch nicht so einen Krawall“, rief Renate auf dem Weg, „die denken sonst, die Einbrecher sind zurück.“ Und der Herbert murmelte: „Da waren ja gar keine Einbrecher.“, was Marieluise mit einem „Scht!“ quittierte. Neben ihnen ging bibbernd die Enkelin aus den Staaten mit ihren Eltern und fragte erstaunt: „Was, bei Pilhofers wurde eingebrochen?“

Mit Taschenlampen und Laternen, dampfendem Punsch aus Thermoskannen, den letzten Plätzchen und Renates Christstollen versammelte sich das ganze Dorf auf dem Hof der Pilhofers. Drumherum standen noch einige Tannenbäume und ganz hinten, etwas abseits, standen Klara und Alex ganz eng beieinander.

Die Pilhofers hatten gerade in ihrem Wohnzimmer „schlaf in himmlischer Ruhuh“ zu Ende gesungen, als sie allesamt aufsahen, weil sie von draußen lautes Stimmgewirr hörten und Lichtstrahlen aus Taschenlampen die Scheiben aufblitzen ließen. Am Fenster erschien dann auch das Gesicht von Andi Müller aus der Neubausiedlung, der sich mittlerweile dank Hühnerbrühe von seiner Erkältung glänzend erholt hatte. „Hey Pille“, rief er, und klopfte ans Glas. Der junge Pilhofer öffnete verdutzt das Fenster. „Frohe Weihnachten?“, fragte er in die Runde.

Dann schob sich Frau Etter nach vorne und blickte von unten zum Fenster herauf. Sie deutete mit ihrem selbst gestrickten roten Fäustling auf den kleinen Tannenbaum in der Größe eines durchschnittlichen Gartenzwergs, den der Herbert vor sich in der Schubkarre hatte. Hinter sich hatte er Marieluise.

„Ist der Baum da von Ihnen?“, frage Marieluise den jungen Pilhofer. Der schaute seine Frau an. Und seine Frau schaute ihn an. Und dann schauten beide in die Runde. Und dann sagte der junge Pilhofer: „Nö.“

Und dann war es allen klar. Es wollte nur keiner aussprechen. Der Baum, der in der Heiligen Nacht das ganze Dorf in Bewegung gesetzt hatte, der Baum musste von außerhalb sein.

„Du, Herbert, ich glaube, ich habe da was gehört“, sagte Marieluise zum Herbert und legte ihre Gabel beiseite. „Was du immer hörst“, brummelte der Herbert. „Doch wirklich, Herbert“, versicherte Marieluise und stupste ihn am Arm. „Geh doch mal bitte nachschauen. Vielleicht sind da Einbrecher. Neulich habe ich noch mit Renate gesprochen – ich glaub, beim Apotheker war’s – und die Renate hat erzählt, dass bei den Pilhofers doch tatsächlich die Kasse geklaut wurde. Irgendwas geht da um. Jetzt schau doch mal bitte, Herbert.“

Der Herbert legte in aller Gemütsruhe die Serviette neben den Teller, schob seinen Stuhl zurück und marschierte zur Tür. Der Herbert wusste, dass wenn er nicht machte, was Marieluise wollte, dass sie ihn dann so lange nerven würde, bis er machte, was sie wollte. Und dann war der Abend aber gelaufen und er würde von den Nachrichten überhaupt nichts mehr mitkriegen, weil sie ihm alle zwei Sätze erzählen würde, was sie da draußen gehört hatte. Und dass die Kasse bei den Pilhofers gestohlen wurde, stimmte ja gar nicht. Er selbst hatte den jungen Pilhofer, als er am Samstag den großen Baum geholt hatte, gefragt, was an dem Gerücht dran sei. Der Herbert hatte nämlich die Geschichte von der Kasse am Donnerstagabend von Fritz Wagemann beim Kartenspielen gehört. Er ging also nur zur Tür, um Marieluise das Gefühl zu geben, dass er hier für die Sicherheit sorgt. Und weil er die Nachrichten hören wollte.

Es waren keine Einbrecher vor der Tür. Der Herbert zog die Tür auf, rief laut: „Na also, da ist doch nichts!“ Dann erst guckte er nach links und nach rechts und da war wirklich nichts. Dann schaute er noch nach oben zu dem Fenster im ersten Stock, an dem das Rosenspalier endete und da war auch nichts. Dann schaute er nach unten und ein kleines glatzköpfiges weißes Wesen lächelte ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. Mit beiden Händen hob er es auf. „Du, Marieluise, da hat jemand was vor die Tür gestellt.“, rief er. Und Marieluise schrie aus der Küche: „Das war bestimmt Renate. Was ist es denn?“ – „Ein Engel. Aus Papier. Der war da auf dem Schuhputzer.“, antwortete der Herbert und brachte den Engel zu Marieluise. „Ein Engel? Aus Papier? Nein, nein, das war nicht die Renate. Renate kann überhaupt nicht basteln. Das war bestimmt Klara.“

Neben der Enkelin in den Staaten hatten Marieluise und der Herbert auch noch Klara. Das war die Tochter von ihrem Sohn Dieter. Klara ging in die siebte Klasse der Waldorfschule und hatte dementsprechend oft irgendwelche gebastelten Sachen. Bestimmt auch einen Engel aus Papier. Im Wohnzimmer von Marieluise und dem Herbert hingen bereits ein gestricktes Huhn, ein großer mit Wachsmalstiften gemalter Herbstbaum aus der dritten Klasse und natürlich einige Fröbelsterne. Marieluise wunderte sich zwar ein bisschen, dass Klara nicht geklingelt hatte, aber immerhin war bald Weihnachten.

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sophie und Uli in Literatur am 24.12.2017 um 10.01 Uhr

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