Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Der Schrei nach Unendlichkeit


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Fotograf: sophie
 (© Eckdose)


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Erster Mai. Allerorts wird gewandert, gefeiert, gelebt. Im kleinen Dorf am Rhein ist das nicht anders. Der Maibaum steht schon seit Tagen in voller Blüte handgebastelter Pappmaschee-Dekoration. Lautstark wummernde Disco-Bässe läuten am Vorabend das Frühjahrsevent ein. Sie lassen sich dabei nicht einmal durch dreifach verglaste Fenster die gute Laune nehmen. „Erster Mai, wir sind dabei!“ – und ein ganzer Ort befindet sich im Ausnahmezustand.

Am Sonntag, irgendwann so gegen Mittag, als sich der Restalkoholspiegel des Vorabends bereits mit einiger flüssiger Nachlieferung gemischt zu haben scheint, grölt es über Spargelfeld, Weinbaukulisse und knospende Apfelbaumplantagen. Es hört sich an wie eine Horde Fußballfans, die sich den Weg in die Welt bahnt. Musikalisch möchte man das kaum nennen. Durchdringend ist es allemal. Klar, nach einer Stunde Best-Of-Musical-Instrumental-Hits vom gut aufgestellten Orchester wird endlich ein Lied gespielt, bei dem alle mitkommen und mitschreien können.

Die Rede ist von „Tage[n] wie diese“, der Erfolgs-Volks-Hymne der Toten Hosen. Zugegeben, nach vier Jahren keine Weltneuheit mehr, dafür scheint es nach wie vor den Nerv der Zeit und eine Festinbrunst im Kern zu treffen:

„AN TAGEN WIE DIIIIIIIIEEEEEEESEN

WÜNSCH ICH MIR UNENDLICHKEIT!“

Das wirkt ziemlich ehrlich. Vielleicht mit einer Ehrlichkeit, die um herausgeschrieen werden zu können, das Fallen mancher Hemmung voraussetzt und das Gefühl: Ich bin nicht allein. Ich sitze und trinke und schreie hier in einem Volkskollektiv und wir alle teilen dieselbe Sehnsucht: die Sehnsucht nach Unendlichkeit.

„KEIN ENDE IN SICHT.

KEIN ENDE IN SICHT.

KEIN ENDE IN SICHT.“

Das Lied erzählt, was immer wieder stattfindet. Was hier im Fest eingeholt wird. Fest transzendiert Zeit. Die Ausleger der Psalmen des Alten Testaments wissen das schon lange. Oder aber die Religionssoziologen. Der Ritus ist nicht zeitverhaftet. Er ist Ausnahme. Er nimmt mich mit in einen Ausnahmezustand, der meinem Alltag entgegengesetzt ist. Hier kann das Anders erlebt werden und weil es immer wieder – in regelmäßigen Abständen – dasselbe Anders ist, fühlt sich das an wie Ewigkeit. Zeitenthoben eben. Da sitzt man an den Rheinterrassen (ja tatsächlich, die Originalliedszene findet ebenfalls am schönen milden Rhein statt) und hat dieselben Kumpels wie damals bei sich. Man tut, als wäre keine Zeit. Als wäre man ewig jung. Man tut, als wäre man ewig. Der Alkohol hilft, die Vergänglichkeit für diese Ausnahme-Zeit, diese Nicht-Zeit, vergessen zu machen: „Kein Ende in Sicht.“

Das wirkt so ehrlich, weil die Sehnsucht echt ist: Die Sehnsucht nach Unendlichkeit. Kein Wunder, dass vor etwa drei Jahrzehnten ein anderer Klassiker von Alphaville die Menschen grölen ließ – und noch bis heute wünschen lässt:

„FOREVER YOUNG. I WANT TO BE FORVER YOUNG.“

Was der Mensch hier besingt, begrölt, ja im eigentlichen Sinne doch „bekennt“ ist der Wunsch, seine Endlichkeit loszuwerden.

Der Mensch, das endliche, vergängliche Wesen, das zu allem Übel auch noch im Gegensatz zum Tier – zumindest wird dieser Gegensatz gern behauptet – um seine Endlichkeit zu wissen scheint, will nicht endlich sein. Er weiß um seine Endlichkeit und gleichzeitig hofft er auf die Unendlichkeit, die Ewigkeit. Und wetten, dass unter der grölenden Mai-Horde auch solche Menschen waren, die sich als Atheisten bezeichnen würden oder als Agnostiker? All das nützt ihnen letztlich gar nichts, denn all das nimmt ihnen ihre Endlichkeit nicht. Alltag kann diese Tatsache vergessen machen, aber unter dem Alltag schlummert die tiefe Sehnsucht nach Unendlichkeit. Sobald die Hemmungen fallen, man sich nicht mehr allein fühlt, in der Masse aufgehoben und vom Rhythmus des Fests – des Ritus – getragen, da formt sich der Aufschrei, der tiefe Schrei aus dem Innersten heraus in die Welt, der Schrei nach Unendlichkeit.

„AN TAGEN WIE DIIIIIIIIEEEEEEESEN

WÜNSCH ICH MIR UNENDLICHKEIT!“

An Tagen wie diesen? Der Wunsch ist immer da, aber an Tagen wie diesen wird er nicht mehr weit von sich geschoben. An Tagen wie diesen ist er präsent: Der Gegensatz zwischen Endlichem und Unendlichem, zwischen der Zeit und der Ewigkeit.

Die Denker des Idealismus haben selten von „Gott“ gesprochen. Vielleicht weil es einer der meist missbrauchten Begriffe ist, die man sich vorstellen kann, vielleicht aber auch, weil sie sich unter anderem Namen besser vorstellen konnte, wer oder was „Gott“ ist. Die Denker des Idealismus haben statt von „Gott“ vom „Unendlichen“ gesprochen.

Der Schrei nach Unendlichkeit. Er klingt ziemlich tief und ehrlich.


Unendlichkeit stand dem Maibaum nicht bevor. Der Mai war kaum gekommen, da lag der Stamm schon in Stücken. Foto: sophie

Erster Mai. Allerorts wird gewandert, gefeiert, gelebt. Im kleinen Dorf am Rhein ist das nicht anders. Der Maibaum steht schon seit Tagen in voller Blüte handgebastelter Pappmaschee-Dekoration. Lautstark wummernde Disco-Bässe läuten am Vorabend das Frühjahrsevent ein. Sie lassen sich dabei nicht einmal durch dreifach verglaste Fenster die gute Laune nehmen. „Erster Mai, wir sind dabei!“ – und ein ganzer Ort befindet sich im Ausnahmezustand.

Am Sonntag, irgendwann so gegen Mittag, als sich der Restalkoholspiegel des Vorabends bereits mit einiger flüssiger Nachlieferung gemischt zu haben scheint, grölt es über Spargelfeld, Weinbaukulisse und knospende Apfelbaumplantagen. Es hört sich an wie eine Horde Fußballfans, die sich den Weg in die Welt bahnt. Musikalisch möchte man das kaum nennen. Durchdringend ist es allemal. Klar, nach einer Stunde Best-Of-Musical-Instrumental-Hits vom gut aufgestellten Orchester wird endlich ein Lied gespielt, bei dem alle mitkommen und mitschreien können.

Die Rede ist von „Tage[n] wie diese“, der Erfolgs-Volks-Hymne der Toten Hosen. Zugegeben, nach vier Jahren keine Weltneuheit mehr, dafür scheint es nach wie vor den Nerv der Zeit und eine Festinbrunst im Kern zu treffen:

„AN TAGEN WIE DIIIIIIIIEEEEEEESEN

WÜNSCH ICH MIR UNENDLICHKEIT!“

Das wirkt ziemlich ehrlich. Vielleicht mit einer Ehrlichkeit, die um herausgeschrieen werden zu können, das Fallen mancher Hemmung voraussetzt und das Gefühl: Ich bin nicht allein. Ich sitze und trinke und schreie hier in einem Volkskollektiv und wir alle teilen dieselbe Sehnsucht: die Sehnsucht nach Unendlichkeit.

„KEIN ENDE IN SICHT.

KEIN ENDE IN SICHT.

KEIN ENDE IN SICHT.“

Das Lied erzählt, was immer wieder stattfindet. Was hier im Fest eingeholt wird. Fest transzendiert Zeit. Die Ausleger der Psalmen des Alten Testaments wissen das schon lange. Oder aber die Religionssoziologen. Der Ritus ist nicht zeitverhaftet. Er ist Ausnahme. Er nimmt mich mit in einen Ausnahmezustand, der meinem Alltag entgegengesetzt ist. Hier kann das Anders erlebt werden und weil es immer wieder – in regelmäßigen Abständen – dasselbe Anders ist, fühlt sich das an wie Ewigkeit. Zeitenthoben eben. Da sitzt man an den Rheinterrassen (ja tatsächlich, die Originalliedszene findet ebenfalls am schönen milden Rhein statt) und hat dieselben Kumpels wie damals bei sich. Man tut, als wäre keine Zeit. Als wäre man ewig jung. Man tut, als wäre man ewig. Der Alkohol hilft, die Vergänglichkeit für diese Ausnahme-Zeit, diese Nicht-Zeit, vergessen zu machen: „Kein Ende in Sicht.“

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sophie in Lebenskunde am 02.05.2016 um 20.34 Uhr

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