Der Blog des Goldseelchen-Verlags
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Der Blick in die Zukunft


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


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Als Herr Sahlschick volljährig wurde, teilte er seine Lage mit vielen Gleichaltrigen. Er wusste nicht, wie sein weiteres Leben aussehen würde. Nachdem er einige Zeit über dem Gedanken gesessen war, eine Ausbildung mit hohen Karrierechancen ergreifen zu wollen, Filialleiter müsste schon drin sein, oder etwas bei der Bank – denn er hatte schon vor, ein Leben in materieller Fülle zu führen –, sagte ihm nur wenig zu. Das Risiko, in einem Fach unglücklich zu werden, gar durch einen Fachwechsel für einen unschönen Knick in seinem bisher so geradlinigen Lebensverlauf zu sorgen, erschien ihm zu groß.

Die Wende kam, als er im Wochenblatt die Anzeige der Frau Rutuf las, einer aus Funk und Fernsehen bekannten Wahrsagerin, die sich zurzeit in der Stadt aufhielt. Vollmundig versprach Frau Rutuf, einen weiten Blick in die Zukunft eines jeden werfen zu können: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Ich sage Ihnen, ob Sie Recht haben!“ Die Nummer der Seherin war schnell gewählt, bald saß Herr Sahlschick einer rundlichen Frau mit schwarz nachgemalten Augenbrauen über funkelnden Augen gegenüber.

Herr Sahlschick schilderte seine Lage, sprach davon, dass er gerne einen geraden Weg gehen wolle. Ohne große Umwege wolle er nach oben kommen, dabei sich nie für etwas Falsches entscheiden. Ob Frau Rutuf denn einen Ratschlag für ihn habe.

Also bestätigte die Wahrsagerin die Zukunftsträume, indem sie sprach: „In zehn Jahren arbeiten Sie in gehobener Position bei einer großen Firma.“ Auf die Wohnsituation angesprochen, ergänzte sie: „Sie werden in einem sehr großen Haus wohnen.“ Das Wie des Weges dorthin konnte und wollte sie jedoch nicht sagen. Nur dass es eintreten würde, diese Gewissheit gab sie noch mit.

Zufrieden zahlte Herr Sahlschick für die klare Ansage und begann sofort, an seinem neuen Leben zu arbeiten. Eine Ausbildung ließ er außen vor, da er ja wusste, dass ohnehin alles so eintreten würde, wie es die Wahrsagerin gesagt hatte. Kleine Tätigkeiten als Handlanger im Betrieb von Verwandten wurden ihm fürstlich entlohnt. So lebte er ganz gut und bequem, sorgte mit ausgedehnten Reisen für seine Bildung und trat mit Eloquenz und einer Arroganz, die von der Zukunftsgewissheit herrührte, als Weltmann auf.

Nach fünf Jahren lernte er auf einer Weltreise die Tochter eines Unternehmers kennen, bei der er einzog und sich fühlte, als würde er über ein riesiges Vermögen verfügen. Herr Sahlschick dachte, das wäre das erste Zeichen dafür, dass der Blick in die Zukunft sich bewahrheite. Er malte sich die Erfüllung aus, dass er die junge Dame heiraten und seinen Schwiegervater beerben würde, schließlich in die Unternehmervilla einziehe.

Doch es kam anders. Als die junge Dame nach drei Jahren des Zusammenlebens ihr Studium beendet hatte, warf sie ihren Freund hinaus. In das Leben einer Erbin des Unternehmens passte nun nicht mehr ein unstudierter Partner. Bald schon heiratete sie den promovierten Geschäftsführer. Herr Sahlschick lehnte es ab, der Einladung zur Hochzeit zu folgen.

Als Handlanger mochte er bei den Verwandten auch nicht mehr arbeiten, war er während der bequemen drei Jahre doch zu etwas besserem geworden. Zudem konnte er auf die Zukunft bauen, da er wusste, dass sie eintreten würde. Zwei Jahre, bevor die Ansage sich bewahrheiten würde, flog er mit dem letzten Geld nach Mallorca, wo er im Warmen auf die Erfüllung warten wollte. Fast zwei Jahre schnorrte er sich, seiner Eloquenz sei Dank, als neuer Freund und Kumpel durch rauschende Feste, bis auch die Feiergesellschaft seiner überdrüssig wurde und ihn als Aufschneider mied.

Nichts mehr blieb ihm, als der Gang zum Generalkonsul, der dem nun Mittellosen ein Ticket für die Rückkehr nach Deutschland überreichte. Zwischenzeitlich war der Betrieb der Verwandten Bankrott gegangen, dass also diese Möglichkeit für Herrn Sahlschick nicht mehr in Frage kam. Drei Wochen, bevor die zehn Jahre vorüber waren, wurde er vorstellig bei den Sozialämtern, da er nicht mehr wusste, wohin er gehen sollte. Man gab ihm ein Zimmer in einem Sozialwohnblock – einem sehr großen Gebäude an der Hauptstraße. Ein Fensterreinigungsbetrieb bot ihm eine Stelle an, die er annehmen musste, um sein Zimmer zu bekommen. Nach kurzem Einlernen wurde er nun Fensterputzer. Noch immer hoffte er auf die Erfüllung.

Genau an dem Tag, an dem eintreten sollte, was Frau Rutuf zehn Jahre zuvor gesagt hatte, erfüllte sich auch die Prophezeiung: Herr Sahlschick arbeitete, die Fenster putzend, in gehobener Position bei einer großen Firma: Auf der Leiter. Auch der Teil, dass er in einem sehr großen Haus wohnen würde, hatte sich erfüllt.

Herr Sahlschick hatte gelernt: Das Ziel mag klar sein, doch den Weg hast du selbst zu gehen.

Als Herr Sahlschick volljährig wurde, teilte er seine Lage mit vielen Gleichaltrigen. Er wusste nicht, wie sein weiteres Leben aussehen würde. Nachdem er einige Zeit über dem Gedanken gesessen war, eine Ausbildung mit hohen Karrierechancen ergreifen zu wollen, Filialleiter müsste schon drin sein, oder etwas bei der Bank – denn er hatte schon vor, ein Leben in materieller Fülle zu führen –, sagte ihm nur wenig zu. Das Risiko, in einem Fach unglücklich zu werden, gar durch einen Fachwechsel für einen unschönen Knick in seinem bisher so geradlinigen Lebensverlauf zu sorgen, erschien ihm zu groß.

Die Wende kam, als er im Wochenblatt die Anzeige der Frau Rutuf las, einer aus Funk und Fernsehen bekannten Wahrsagerin, die sich zurzeit in der Stadt aufhielt. Vollmundig versprach Frau Rutuf, einen weiten Blick in die Zukunft eines jeden werfen zu können: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Ich sage Ihnen, ob Sie Recht haben!“ Die Nummer der Seherin war schnell gewählt, bald saß Herr Sahlschick einer rundlichen Frau mit schwarz nachgemalten Augenbrauen über funkelnden Augen gegenüber.

Herr Sahlschick schilderte seine Lage, sprach davon, dass er gerne einen geraden Weg gehen wolle. Ohne große Umwege wolle er nach oben kommen, dabei sich nie für etwas Falsches entscheiden. Ob Frau Rutuf denn einen Ratschlag für ihn habe.

Also bestätigte die Wahrsagerin die Zukunftsträume, indem sie sprach: „In zehn Jahren arbeiten Sie in gehobener Position bei einer großen Firma.“ Auf die Wohnsituation angesprochen, ergänzte sie: „Sie werden in einem sehr großen Haus wohnen.“ Das Wie des Weges dorthin konnte und wollte sie jedoch nicht sagen. Nur dass es eintreten würde, diese Gewissheit gab sie noch mit.

Zufrieden zahlte Herr Sahlschick für die klare Ansage und begann sofort, an seinem neuen Leben zu arbeiten. Eine Ausbildung ließ er außen vor, da er ja wusste, dass ohnehin alles so eintreten würde, wie es die Wahrsagerin gesagt hatte. Kleine Tätigkeiten als Handlanger im Betrieb von Verwandten wurden ihm fürstlich entlohnt. So lebte er ganz gut und bequem, sorgte mit ausgedehnten Reisen für seine Bildung und trat mit Eloquenz und einer Arroganz, die von der Zukunftsgewissheit herrührte, als Weltmann auf.

Nach fünf Jahren lernte er auf einer Weltreise die Tochter eines Unternehmers kennen, bei der er einzog und sich fühlte, als würde er über ein riesiges Vermögen verfügen. Herr Sahlschick dachte, das wäre das erste Zeichen dafür, dass der Blick in die Zukunft sich bewahrheite. Er malte sich die Erfüllung aus, dass er die junge Dame heiraten und seinen Schwiegervater beerben würde, schließlich in die Unternehmervilla einziehe.

Doch es kam anders. Als die junge Dame nach drei Jahren des Zusammenlebens ihr Studium beendet hatte, warf sie ihren Freund hinaus. In das Leben einer Erbin des Unternehmens passte nun nicht mehr ein unstudierter Partner. Bald schon heiratete sie den promovierten Geschäftsführer. Herr Sahlschick lehnte es ab, der Einladung zur Hochzeit zu folgen.

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Uli in Lebenskunde am 17.05.2014 um 16.08 Uhr

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