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Ein kollektiver Versinger

Ist ja doch kein andrer


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


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Im Gottesdienst der Evangelischen Kirche Württemberg ist es üblich, am Schluss vor dem Segen eine Segensstrophe zu singen. Dafür eignen sich neuere Lieder wie „Komm Herr, segne uns“ oder „Der Herr segne dich, behüte dich“. Häufiger kommt jedoch zum Einsatz das alte Lied „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Der Text von Martin Luther lautet im Original wie folgt:

„Verleih uns Frieden gnädiglich,

Herr, Gott, zu unseren Zeiten.

Es ist doch ja kein Andrer nicht,

Der für uns könnte streiten,

Denn du unser Gott alleine.“

Die Aussage der nicht mehr ganz modernen Worte ist die Bitte an Gott, dass Frieden zwischen den Menschen schon jetzt wirklich werde. Dringlichkeit erhält die Bitte, warum Gott den Frieden schaffen soll: Es sei einzig Gott, der sich für die Menschen einsetzen könne. Er müsse „doch“ sehen, dass die Menschen auf sich allein gestellt machtlos sind.

Die Formulierung ist z.B. bekannt beim Klagen alter Menschen über ihr Alleinsein: „Ich bin doch ganz alleine!“ Zur Verstärkung des „doch“ dient das „ja“.

Leider meinen die Württemberger Kirchgänger, sie könnten das Lied auswendig singen. Auch dann, wenn die Nummer des Liedes im Gesangbuch angeschlagen ist. Die Furcht ist vermutlich zu groß, jemand würde die kirchliche Verwurzlung oder gar die Ernsthaftigkeit in Frage stellen, wenn der Text abgelesen wird.

Da die wenigsten Kirchgänger das Lied richtig auswendig können, ergibt sich eine lustige Bedeutungsverschiebung beim Versingen. Statt „doch ja“ ist es „ja doch kein Andrer nicht“.

Wenn es „ja doch“ kein anderer ist, der für uns streiten könnte, wird die Aussage des Textes umgekehrt. Gott soll sich nicht erbarmen, weil die Menschen „doch“ so allein sind. Die gesungene Botschaft wird zu: Gott soll sich erbarmen, weil es (leider) zu ihm dummerweise keine Alternative gibt, wie man „ja“ feststellen musste.

Der Schwabe wendet sich scheinbar nicht deswegen an Gott, weil er dessen Übermacht und des Menschen Ohnmacht sieht. Lieber würde er jemand anderes als Friedensverleiher erwählen. Er wendet sich an Gott, weil es den erwünschten Anderen „ja doch“ nicht gibt.

Im Gottesdienst der Evangelischen Kirche Württemberg ist es üblich, am Schluss vor dem Segen eine Segensstrophe zu singen. Dafür eignen sich neuere Lieder wie „Komm Herr, segne uns“ oder „Der Herr segne dich, behüte dich“. Häufiger kommt jedoch zum Einsatz das alte Lied „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Der Text von Martin Luther lautet im Original wie folgt:

„Verleih uns Frieden gnädiglich,

Herr, Gott, zu unseren Zeiten.

Es ist doch ja kein Andrer nicht,

Der für uns könnte streiten,

Denn du unser Gott alleine.“

Die Aussage der nicht mehr ganz modernen Worte ist die Bitte an Gott, dass Frieden zwischen den Menschen schon jetzt wirklich werde. Dringlichkeit erhält die Bitte, warum Gott den Frieden schaffen soll: Es sei einzig Gott, der sich für die Menschen einsetzen könne. Er müsse „doch“ sehen, dass die Menschen auf sich allein gestellt machtlos sind.

Die Formulierung ist z.B. bekannt beim Klagen alter Menschen über ihr Alleinsein: „Ich bin doch ganz alleine!“ Zur Verstärkung des „doch“ dient das „ja“.

Leider meinen die Württemberger Kirchgänger, sie könnten das Lied auswendig singen. Auch dann, wenn die Nummer des Liedes im Gesangbuch angeschlagen ist. Die Furcht ist vermutlich zu groß, jemand würde die kirchliche Verwurzlung oder gar die Ernsthaftigkeit in Frage stellen, wenn der Text abgelesen wird.

Da die wenigsten Kirchgänger das Lied richtig auswendig können, ergibt sich eine lustige Bedeutungsverschiebung beim Versingen. Statt „doch ja“ ist es „ja doch kein Andrer nicht“.

Wenn es „ja doch“ kein anderer ist, der für uns streiten könnte, wird die Aussage des Textes umgekehrt. Gott soll sich nicht erbarmen, weil die Menschen „doch“ so allein sind. Die gesungene Botschaft wird zu: Gott soll sich erbarmen, weil es (leider) zu ihm dummerweise keine Alternative gibt, wie man „ja“ feststellen musste.

Der Schwabe wendet sich scheinbar nicht deswegen an Gott, weil er dessen Übermacht und des Menschen Ohnmacht sieht. Lieber würde er jemand anderes als Friedensverleiher erwählen. Er wendet sich an Gott, weil es den erwünschten Anderen „ja doch“ nicht gibt.

Uli in Musik am 06.01.2014 um 16.19 Uhr

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Kommentare

Kommentar:

So genau darf man das aber doch nicht nehmen, bei Menschen, die sich selbst ironisieren "Wir können alles außer Hochdeutsch". Aber vielleicht ist es doch ein Freudscher Versprecher.
Interessante Beobachtung.

Michael am 07.01.2014 um 14.38 Uhr.