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Frei nach einer alten Fabel

Der Wolf und das Lamm


Für eine größere Ansicht anklicken.
Urheber: Richard Heighway
 (Creative Commons)


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Am Bach stand ein Lämmlein. Es trank, um den Durst zu löschen, der beim angeregten Blöken auf der Weide entsteht. Da kam der Wolf dahergelaufen. Er war ein recht eitles Wesen. Als sei er ein Tier von Adel, hielt er den Kopf über den Schultern empor, seine silberne Mähne streng nach hinten gestreift.

Er trat hinzu neben das Lamm und sprach: „Es gehört sich nicht für ein Lamm, einem Wolf das Wasser zu trüben.“

Da blickte das Lamm empor, sah sich um und erwiderte: „Seht doch, Herr Wolf, ich stehe stromabwärts neben euch. Wie kann ich da euch das Wasser trüben?

Eher könnte es doch sein, dass ihr mir das Wasser trüben würdet.“

Empört über den frechen Vorwurf, begann der Wolf seinen Vortrag über die Schuld der Schafe: „Die Schafe sind ein heimtückisches Getier. Letztes Jahr fraßen sie meine Wiesen leer und meine Äcker. Mit ihrem Kot verdarben sie dazu die Böden, dass nur noch Disteln und Wacholdersträucher bleiben.“

Bestimmt schüttelte das Lamm seinen Kopf und sprach: „Gewiss hat kein Schaf euch etwas genommen. Wölfe essen kein Gras.“

Erneut hob der Wolf an: „Ich habe genau beobachtet, wie die Schafe auch Hasen rissen. Und alle anderen Schafe haben nichts dagegen unternommen.“

Jetzt erkannte das Lamm, worauf der Wolf hinaus wollte: „Aber Schafe fressen doch nur Gras! Ein Schaf hätte nichts davon, einen Hasen zu reißen.“

Der Wolf ließ sich nicht beirren und holte nach: „Die Hasen sind gerissen worden. Das ist eine Tatsache, die man nicht leugnen kann. Jedes Schaf trägt Mitschuld. Bereits im Schafsein ist die Abneigung gegen Hasen begründet. Wer nicht aufhört, Schaf zu sein, tut nichts dagegen, dass letztes Jahr die Hasen gerissen wurden. Ich selbst bin kein Schaf mehr und kann jedem diesen Schritt nur empfehlen.“

Erschrocken über die Bedeutung dieser Forderung platze das Lamm heraus: „Wenn die Schafe aufgehört hätten, Schaf zu sein, wären etwa die Hasen nicht gerissen worden?

Das ist doch Quatsch!“

Rot vor Wut schäumte der Wolf.

„Auf diesem Niveau brauchen wir das Gespräch gar nicht weiter führen. Das ist kein Quatsch, das ist auch nicht irgendwie lustig. Es ist ganz sicher nicht im Sinne des Tierseins, so zu reden!“, sprach er und verschlang das Lamm.

Am Bach stand ein Lämmlein. Es trank, um den Durst zu löschen, der beim angeregten Blöken auf der Weide entsteht. Da kam der Wolf dahergelaufen. Er war ein recht eitles Wesen. Als sei er ein Tier von Adel, hielt er den Kopf über den Schultern empor, seine silberne Mähne streng nach hinten gestreift.

Er trat hinzu neben das Lamm und sprach: „Es gehört sich nicht für ein Lamm, einem Wolf das Wasser zu trüben.“

Da blickte das Lamm empor, sah sich um und erwiderte: „Seht doch, Herr Wolf, ich stehe stromabwärts neben euch. Wie kann ich da euch das Wasser trüben?

Eher könnte es doch sein, dass ihr mir das Wasser trüben würdet.“

Empört über den frechen Vorwurf, begann der Wolf seinen Vortrag über die Schuld der Schafe: „Die Schafe sind ein heimtückisches Getier. Letztes Jahr fraßen sie meine Wiesen leer und meine Äcker. Mit ihrem Kot verdarben sie dazu die Böden, dass nur noch Disteln und Wacholdersträucher bleiben.“

Bestimmt schüttelte das Lamm seinen Kopf und sprach: „Gewiss hat kein Schaf euch etwas genommen. Wölfe essen kein Gras.“

Erneut hob der Wolf an: „Ich habe genau beobachtet, wie die Schafe auch Hasen rissen. Und alle anderen Schafe haben nichts dagegen unternommen.“

Jetzt erkannte das Lamm, worauf der Wolf hinaus wollte: „Aber Schafe fressen doch nur Gras! Ein Schaf hätte nichts davon, einen Hasen zu reißen.“

Der Wolf ließ sich nicht beirren und holte nach: „Die Hasen sind gerissen worden. Das ist eine Tatsache, die man nicht leugnen kann. Jedes Schaf trägt Mitschuld. Bereits im Schafsein ist die Abneigung gegen Hasen begründet. Wer nicht aufhört, Schaf zu sein, tut nichts dagegen, dass letztes Jahr die Hasen gerissen wurden. Ich selbst bin kein Schaf mehr und kann jedem diesen Schritt nur empfehlen.“

Erschrocken über die Bedeutung dieser Forderung platze das Lamm heraus: „Wenn die Schafe aufgehört hätten, Schaf zu sein, wären etwa die Hasen nicht gerissen worden?

Das ist doch Quatsch!“

Rot vor Wut schäumte der Wolf.

„Auf diesem Niveau brauchen wir das Gespräch gar nicht weiter führen. Das ist kein Quatsch, das ist auch nicht irgendwie lustig. Es ist ganz sicher nicht im Sinne des Tierseins, so zu reden!“, sprach er und verschlang das Lamm.

Uli in Literatur am 11.03.2013 um 11.05 Uhr

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