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Ausstellung über die Kernstadt Berlins

Berlin vergisst die Mitte


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Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


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Der Gewinner schreibt die Geschichte. Kein Literaturwettbewerb, der von hinten aufgezäumt ist, sondern die Geschichte an sich. Die Weltgeschichte, die Wahrheit der Vergangenheit, wird geschrieben von den Gewinnern. Wer auch immer sich als stärker erweist, der darf seine Version in die Notizblöcke der Reporter diktieren.

Geschichtstheoretikern ist dies keine Neuigkeit. Geschichtsbereiche wie die Geschichte der Kolonisation, der Holocaust, die Schlacht von Stalingrad: Sie alle sind von den Gewinnern diktiert. Im Großen und Ganzen ist das gut so. Es ergibt nur Sinn, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, wenn man sich auch mit ihr auseinander setzt. Insofern sollte man Geschichte nicht als neutrales Fach betreiben, sondern kritisch darstellen. Nach der Geschichtsstunde müsste man dann sich entscheiden, ob man erneut kolonisieren würde, Volksgruppen ausrotten oder sinnlose Schlachten führen wolle.

Der Gewinner schreibt die Geschichte auch dann, wenn gerade keine Reporter mit ihren Notizblöcken parat stehen. Ein einfaches Beispiel ist die Ausstellung „Berlins vergessene Mitte“, die derzeit im Ephraimpalais im Nikolaiviertel in Berlin zu sehen ist. In Fotografien und wenigen Zeitdokumenten wird der Wandel der Bereiche Alt-Berlin und Alt-Cölln vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart dargestellt. „Vergessen“ war diese Stadtmitte, da im Wachstum der Residenzstadt Preußens der Kern einfach so geblieben war, wie zuvor. Stadtplaner kämpften Jahrzehnte lang für zeitgemäße Verkehrschneisen, einer Weltstadt würdigen Bebauungen oder hygienische Zustände.

„Vergessen“ sei diese Stadtmitte auch, weil gegenwärtig nichts mehr auf eine kontinuierliche, jahrhunderte alte Stadtstruktur hinweist. Abgesehen von drei Kirchenbauten stammt kein Gebäude mehr aus der Zeit vor 1840. Politische und architektonische Veränderungen brachen übersichtliche Straßenachsen, sorgten für markante, neuere Baudenkmale, schufen Platz für die Massen. Abschnittsweise werden mit Fotografien die Unterschiede verdeutlicht. Einzigartiges wich dem Allgemeinen, das Ordinäre wich dem Herausragenden.

Keine Veränderung gab es, die nicht schon mindestens eine Generation zuvor vorgeschlagen worden war. Alle Planungen, so macht die Ausstellung klar, sind das Ergebnis langjähriger Streitereien und Diskussionen. Nicht nur einmal gingen die Anwohner auf die Barrikaden, wenn es darum ging, baufällige und sanierungsbedürftige Lasten durch Schöneres zu ersetzen. Schließlich fielen allen Sehenswürdigkeiten des modernen Berlins mindestens ebenso sehenswürdige Vorgänger zum Opfer.

Der Wandel, so müsste diese Ausstellung eigentlich vermitteln, ist etwas Natürliches. Geschichte ist ohne Verluste nicht möglich. Nichts ist von Dauer. Der Wert des Alten liegt nicht in seinem Altsein oder seiner überkommenen Architektur. Alt-Berlin, so wie es die Fotografien und Stadtpläne um 1840 festhielten, war schon nicht mehr das Berlin der Renaissancezeit. Alt-Berlin, wie es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, war schon nicht mehr das Berlin des 19. Jahrhunderts. Hässliche Kaufhäuser und Wohnblöcke hatten die engen Gassen und Häuschen längst verdrängt.

Nur konsequent und ein natürlicher Akt der Geschichtlichkeit war es, diese gesichtslosen Züge einmal zu überholen. Die Mitte der Hauptstadt wurde Objekt städtebaulicher Ideen und Kreativität – vor wie nach dem Krieg. Erst den Planer der sozialistischen Herrschaft gelang es, ein einheitliches Großprojekt durchzuführen. Die zerstörten Flächen nahmen Gestalt an und entbehrten nicht einer eigenen Harmonie und Ästhetik. Weiträumig führte und führt noch der Verkehr an der Fußgänger- und Touristen-freundlichen Mitte flüssig vorbei. Weltweit erkennt man Berlin an seinem Fernsehturm und dem lichten Forum zur Spree hin.

Aber: Der Gewinner schreibt die Geschichte. Abrissmaßnahmen der DDR sind deutlich gewertet in dieser Ausstellung. Kein Verständnis wir für den Abbruch des einsturzgefährdeten Schlosses gezeigt. Die Bestandsaufnahme von 1945 zeichnet es dabei schon als irreparabel – noch vor aller sozialistischen Hauptstadtplanung. Wehmütig wird der gesichtslosen Bausubstanz des Fischerviertels hinterher gejammert, weil man mit sechs locker gesetzten Hochhäusern das 19. Jahrhundert getilgt hatte.

Trotz allem Bemühen, den Wandel als Teil der Geschichte zu zeigen, gelingt es der Ausstellung nicht, Botschaften für das Jetzt aus der Geschichte zu ziehen. Debatten über eine Weiterentwicklung sollen angestoßen werden. Und auf dem Rückweg ziehe ich an den Bauschneisen und Bausünden der letzten zwei Jahrzehnte vorbei. Aber diese Geschichte schreibt dann der Gewinner.

Der Gewinner schreibt die Geschichte. Kein Literaturwettbewerb, der von hinten aufgezäumt ist, sondern die Geschichte an sich. Die Weltgeschichte, die Wahrheit der Vergangenheit, wird geschrieben von den Gewinnern. Wer auch immer sich als stärker erweist, der darf seine Version in die Notizblöcke der Reporter diktieren.

Geschichtstheoretikern ist dies keine Neuigkeit. Geschichtsbereiche wie die Geschichte der Kolonisation, der Holocaust, die Schlacht von Stalingrad: Sie alle sind von den Gewinnern diktiert. Im Großen und Ganzen ist das gut so. Es ergibt nur Sinn, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, wenn man sich auch mit ihr auseinander setzt. Insofern sollte man Geschichte nicht als neutrales Fach betreiben, sondern kritisch darstellen. Nach der Geschichtsstunde müsste man dann sich entscheiden, ob man erneut kolonisieren würde, Volksgruppen ausrotten oder sinnlose Schlachten führen wolle.

Der Gewinner schreibt die Geschichte auch dann, wenn gerade keine Reporter mit ihren Notizblöcken parat stehen. Ein einfaches Beispiel ist die Ausstellung „Berlins vergessene Mitte“, die derzeit im Ephraimpalais im Nikolaiviertel in Berlin zu sehen ist. In Fotografien und wenigen Zeitdokumenten wird der Wandel der Bereiche Alt-Berlin und Alt-Cölln vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart dargestellt. „Vergessen“ war diese Stadtmitte, da im Wachstum der Residenzstadt Preußens der Kern einfach so geblieben war, wie zuvor. Stadtplaner kämpften Jahrzehnte lang für zeitgemäße Verkehrschneisen, einer Weltstadt würdigen Bebauungen oder hygienische Zustände.

„Vergessen“ sei diese Stadtmitte auch, weil gegenwärtig nichts mehr auf eine kontinuierliche, jahrhunderte alte Stadtstruktur hinweist. Abgesehen von drei Kirchenbauten stammt kein Gebäude mehr aus der Zeit vor 1840. Politische und architektonische Veränderungen brachen übersichtliche Straßenachsen, sorgten für markante, neuere Baudenkmale, schufen Platz für die Massen. Abschnittsweise werden mit Fotografien die Unterschiede verdeutlicht. Einzigartiges wich dem Allgemeinen, das Ordinäre wich dem Herausragenden.

Keine Veränderung gab es, die nicht schon mindestens eine Generation zuvor vorgeschlagen worden war. Alle Planungen, so macht die Ausstellung klar, sind das Ergebnis langjähriger Streitereien und Diskussionen. Nicht nur einmal gingen die Anwohner auf die Barrikaden, wenn es darum ging, baufällige und sanierungsbedürftige Lasten durch Schöneres zu ersetzen. Schließlich fielen allen Sehenswürdigkeiten des modernen Berlins mindestens ebenso sehenswürdige Vorgänger zum Opfer.

Der Wandel, so müsste diese Ausstellung eigentlich vermitteln, ist etwas Natürliches. Geschichte ist ohne Verluste nicht möglich. Nichts ist von Dauer. Der Wert des Alten liegt nicht in seinem Altsein oder seiner überkommenen Architektur. Alt-Berlin, so wie es die Fotografien und Stadtpläne um 1840 festhielten, war schon nicht mehr das Berlin der Renaissancezeit. Alt-Berlin, wie es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, war schon nicht mehr das Berlin des 19. Jahrhunderts. Hässliche Kaufhäuser und Wohnblöcke hatten die engen Gassen und Häuschen längst verdrängt.

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Uli in Geschichte am 15.01.2011 um 12.01 Uhr

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