Der Blog des Goldseelchen-Verlags
für Tagfalter und Nachtdenker

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Kurzgeschichte. Teil 1

Gott mit uns


Fotograf: Uli
 (© Eckdose)


Fotograf: Uli
 (© Eckdose)

„Donk“ tönte es dumpf, und die Scheibe schwang von dem Treffer nach. Der Schnee blieb zunächst hängen, rutschte dann aber zum großen Teil auf das Fenstersims herab. Eine Einbuchtung entstand in der glitzernden Neuschneedecke.

Seit das Innenministerium am 18. die Terrorwarnungen ausgesprochen hatte, war im Land Winter. Nicht nur, dass der Boden überall gefroren war, Eisschichten die Gehwege und Stadtbahngleise bedeckten. Mir kam auch die Stimmung unter den Menschen in dieser kalten Großstadt frostig vor. Binnen Stunden hatte sich das letzte sonnige Lächeln aus Gesichtern verabschiedet. Wolken hielten den sonst tiefblauen Himmel in eisiger Umklammerung. Noch immer rieselte wattiger Schnee vor den Fenstern herunter, verschluckte als Lärmschutz sämtliche Geräusche dieses Großstadt-Morgens.

Von meinem Bett aus blickte ich aus dem Fenster in den weiß-trüben Himmel, komplett unsicher über Zeit und Tag. War es tatsächlich schon Ende Dezember? War es der Morgen des neuen Jahres? Donnerstag oder Nachmittag? – der bläulichen Färbung meiner Handrücken und der Gänsehaut zufolge fiel zumindest der Nachmittag als Option weg. Es war kalt. Viel zu kalt. An den oberen Rändern der Fenster hatte sich eine Großfamilie Schneekristalle angesiedelt und sah so aus, als ob sie in meinem Schlafzimmer die Endstation ihrer Migration erreicht hätte. Das gefiel mir gar nicht. Doch was sollte man tun? Die Terrorwarnung galt nicht für böse Eiskristalle und die Raumtemperatur war zu niedrig, um ohne Erfrierungen die Heizung zu erreichen. Typisch Altbau, dachte ich, und verfluchte meinen Vermieter.

Ein weiteres „Donk“ brachte die Eiskristall-Großfamilie in Schwingungen. Doch Terrorwarnung. Jetzt stand ich doch auf, schlüpfte in meine Puschen und stolperte in Richtung Fenster. Durch die sanfte Flockenberieselung hindurch sah ich ein kleines vermummtes Kind auf der ungeräumten Straße im Schnee. Bestimmt ein Terrorist. Mit seinen unpraktischen Fäustlingen formte das Kind Schneebälle und hatte Spaß daran, die Fenster abzuwerfen. Anscheinend war ich nicht der Einzige, der auf das dumpfe „Donk“ reagierte, denn das Kind rannte ertappt hinter einen parkenden Schneehaufen. Gedämpft tönte vom Nachbarhaus eine schimpfende Frauenstimme zur Straße hin. Das Kind reagierte nicht, sondern sah sich nur frech um. Jetzt erkannte ich es.

Beim Hineinzittern in wärmere Klamotten erinnerte ich mich an den Sommer. Dreieinhalb Monate und ein ganzer Welthorizont lagen dorthin zurück. Damals war es warm gewesen, übertrieben heiß, eigentlich. Die Asphaltdecke hatte alle Hitze aufgenommen und an die Hauswände abgegeben. So wie es jetzt tagsüber kaum wärmer wurde, waren im Sommer nachtsüber die Straßen kaum abgekühlt. An einem solchen kochenden Tag war das Kind in seinen kurzen Hosen auf der Straße unterwegs, als ich meinen Kofferraum entlud.

Da, wo ich nun in Mantel, Schal und Winterstiefel verpackt durch den Schnee stapfte, waren wir im Sommer gestanden. Das Kind hatte mich durch seine Zahnlücke nuschelnd gefragt, was ich da tue. Als ich gewissenhaft ehrlich geantwortet hatte, dass ich meinen Kofferraum entlade, hatte ich nach dem Namen fragen können. So wusste ich, dass das Kind Manuel hieß, und ich stieß nun ein unbeirrtes „Hallo, Manuel!“ ins Nichts, als von irgendwoher ein Schneeball an mir vorüber flog. Die verpackte Zahnlücke rutschte grinsend auf den Knien mit einem weiteren Schneeball im Fäustling hinter einem Auto hervor.

„Hallo“, baute sich Manuel vor mir auf und blickte empor. „D-Du hast mir doch mal den Hund geschenkt.“, „Ja“, bestätigte ich. „Hast du ihn noch?“ „Ja, der w-wohnt in mein – in meim Zimmer aufd- auf der F-Fensterbank.“ Manuel neigte zum Stottern, wenn er sich im direkten Gespräch befand. Im Sommer hatte er den kleinen Stoffhund in meinem Auto hängen gesehen. Jemand hatte den Hund „Daggles“ genannt und so mehrere Wortspiele verknüpft. Aber das wollte ich dem Großstadtjungen nicht erklären. Er hatte mir damals nur erzählt, dass er einen Hund brauche. Unbedingt. Einen richtigen.

Die Frage nach dem Warum und Wieso konnte er gar nicht so recht verstehen. Mein längeres, mühevolles Nachfragen, das Gepäck noch immer unter den Armen, hatte hervorgebracht, dass der nun mutige Schneeballschütze Angst hatte. Der Hund müsse ihn beschützen. Also hatte ich den festgezurrten Baumelhund genommen und seiner Bestimmung übergeben. „Darf ich den wirklich haben?“, hatten die leuchtenden Augen gefragt. „Joah, den schenk ich dir. Dann passt der auf dich auf, bis du ’nen richtigen Hund hast.“ „Sch-schenkst du den mir in ä-hächt?“ „Ja.“ Seitdem betrachtete mich der Hundehalter als persönlichen Ansprechpartner beim Blödsinnmachen auf der Straße.

„Wohin gehst du jetzt?“ – „Muss in’ Netto. Brauch noch ’nen Saft.“ – „W-Wozu?“ Dumme Kinderfrage. Zum Trinken natürlich. Und nun brauchte ich den Saft, weil ich als Selbstsozialisationsmaßnahme eine Einladung zum Glühweintrinken und Plätzchenessen angenommen hatte. Als gäbe es nicht genug Menschen, die allein seien. Aber nein: Ausgerechnet in der Zeit von Terrorismuswarnungen konnte ich mich vor Glühweintrinkeinladungen kaum retten. Wo doch jeder Schritt vor die Haustüre quasi eine Lebensbedrohung darstellte.

„Kann ich mit?“, tapste das Stimmchen neben mir her. „Nee, sorry, Manuel. Die haben nur mich eingeladen.“ Beim Weitergehen hörte ich ein Schicksal-ergebenes In-den-Schee-fallen-lassen. Immerhin. Im Herbst hatte ich einmal zwei Straßenblöcke lang vergeblich versucht, das Kind zur Umkehr zu bewegen. Es war erst gelungen, als es mir zeigen wollte, wie schnell es laufen könne. Durch das Schaufenster einer türkischen Bäckerei herausblickend hatte ich dann das verwirrt suchende Kind auf der Straße beobachtet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Im Weggehen traf mich als späte Rache ein Schneeball in den Rücken. „Donk“, machte es. Der Aufprall ließ mich vorübergehend aus dem Gleichgewicht kommen. Der Hund war wohl für die Katz’.

Weiter mit Teil 2.

„Donk“ tönte es dumpf, und die Scheibe schwang von dem Treffer nach. Der Schnee blieb zunächst hängen, rutschte dann aber zum großen Teil auf das Fenstersims herab. Eine Einbuchtung entstand in der glitzernden Neuschneedecke.

Seit das Innenministerium am 18. die Terrorwarnungen ausgesprochen hatte, war im Land Winter. Nicht nur, dass der Boden überall gefroren war, Eisschichten die Gehwege und Stadtbahngleise bedeckten. Mir kam auch die Stimmung unter den Menschen in dieser kalten Großstadt frostig vor. Binnen Stunden hatte sich das letzte sonnige Lächeln aus Gesichtern verabschiedet. Wolken hielten den sonst tiefblauen Himmel in eisiger Umklammerung. Noch immer rieselte wattiger Schnee vor den Fenstern herunter, verschluckte als Lärmschutz sämtliche Geräusche dieses Großstadt-Morgens.

Von meinem Bett aus blickte ich aus dem Fenster in den weiß-trüben Himmel, komplett unsicher über Zeit und Tag. War es tatsächlich schon Ende Dezember? War es der Morgen des neuen Jahres? Donnerstag oder Nachmittag? – der bläulichen Färbung meiner Handrücken und der Gänsehaut zufolge fiel zumindest der Nachmittag als Option weg. Es war kalt. Viel zu kalt. An den oberen Rändern der Fenster hatte sich eine Großfamilie Schneekristalle angesiedelt und sah so aus, als ob sie in meinem Schlafzimmer die Endstation ihrer Migration erreicht hätte. Das gefiel mir gar nicht. Doch was sollte man tun? Die Terrorwarnung galt nicht für böse Eiskristalle und die Raumtemperatur war zu niedrig, um ohne Erfrierungen die Heizung zu erreichen. Typisch Altbau, dachte ich, und verfluchte meinen Vermieter.

Ein weiteres „Donk“ brachte die Eiskristall-Großfamilie in Schwingungen. Doch Terrorwarnung. Jetzt stand ich doch auf, schlüpfte in meine Puschen und stolperte in Richtung Fenster. Durch die sanfte Flockenberieselung hindurch sah ich ein kleines vermummtes Kind auf der ungeräumten Straße im Schnee. Bestimmt ein Terrorist. Mit seinen unpraktischen Fäustlingen formte das Kind Schneebälle und hatte Spaß daran, die Fenster abzuwerfen. Anscheinend war ich nicht der Einzige, der auf das dumpfe „Donk“ reagierte, denn das Kind rannte ertappt hinter einen parkenden Schneehaufen. Gedämpft tönte vom Nachbarhaus eine schimpfende Frauenstimme zur Straße hin. Das Kind reagierte nicht, sondern sah sich nur frech um. Jetzt erkannte ich es.

Beim Hineinzittern in wärmere Klamotten erinnerte ich mich an den Sommer. Dreieinhalb Monate und ein ganzer Welthorizont lagen dorthin zurück. Damals war es warm gewesen, übertrieben heiß, eigentlich. Die Asphaltdecke hatte alle Hitze aufgenommen und an die Hauswände abgegeben. So wie es jetzt tagsüber kaum wärmer wurde, waren im Sommer nachtsüber die Straßen kaum abgekühlt. An einem solchen kochenden Tag war das Kind in seinen kurzen Hosen auf der Straße unterwegs, als ich meinen Kofferraum entlud.

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Uli in Literatur am 23.12.2010 um 22.14 Uhr

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